Schau mal rechts nach der massiven Steinsäule … oben sitzt ein dunkles Bronze-Wappen mit den typischen, torartig geschlossenen Türmen der Stadt. Gerade eben waren wir noch bei den hypnotischen Zahnrädern der astronomischen Uhr. Die wirkt wirklich wie das mechanische Herz dieser ziemlich weit ausgreifenden Metropole. Aber hier lohnt sich ein kurzer Halt, um das große Ganze zu sortieren: Wie ist Prag, also Praha, eigentlich zu dem geworden, was es ist?
Der Name ist nämlich ein kleines Rätsel. Ein früher Chronist hat eine berühmte Legende aufgeschrieben: von der mythischen Fürstin und Seherin Libuse. Sie soll hoch über der Moldau, auf einem Felsen, in Trance geraten sein und verkündet haben, sie sehe eine große Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reiche. Dann befahl sie, eine Burg zu bauen … und zwar dort, wo man einen Mann findet, der gerade eine hölzerne Schwelle für ein Haus zurechthackt. Auf Tschechisch heißt Schwelle prah. Und daraus wurde dann Praha. Dramatisch, poetisch, sehr gut erzählbar.
Historiker sind allerdings meist etwas weniger begeistert von Trancen. Sie verweisen auf eine bodenständigere Erklärung: prah könnte auch die „Steinschwellen“ im Fluss meinen, also Stromschnellen und flache, steinige Stellen in der Moldau, die es gab, bevor moderne Staudämme das Wasser beruhigten. Diese natürlichen Stufen schufen sichere Furten, also Stellen, an denen Händler den Fluss vergleichsweise gefahrlos durchqueren konnten. Und wo Händler bequem rüberkommen, wächst früher oder später ein Handelszentrum. So funktioniert Zivilisation.
Im vierzehnten Jahrhundert ging dann alles ziemlich schnell. Unter König Karl dem Vierten wurde Prag zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches … einem riesigen, politisch einflussreichen Machtgebilde in Europa. Karl hatte große Pläne: Er gründete die Neustadt, plante gewaltige Plätze und finanzierte hoch aufragende gotische Kirchen. Sein Ziel war klar: Prag sollte mit Rom und Florenz mithalten. An den Reichtum der italienischen Stadtstaaten kam man nicht sofort heran, aber flächenmäßig wurde Prag rasch zur drittgrößten Stadt im Reich.
Spannend ist auch: „Prag“ war lange gar keine einzelne Stadt, sondern mehrere eigenständige, ziemlich konkurrenzfreudige Städte: Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Hradschin, also das Burgviertel. Erst im Jahr siebzehn vierundachtzig wurden sie offiziell zu einer Verwaltungseinheit.
Im neunzehnten Jahrhundert bekam Prag dann den Beinamen „Stadt der hundert Türme“. Ein Historiker prägte ihn … aber ein Mathematiker hat tatsächlich nachgezählt: einhundertdrei Türme, und dabei nicht einmal Privathäuser oder Wassertürme mitgerechnet. Manche Menschen entspannen eben anders.
Heute ist Prag ein modernes Schwergewicht: die dreizehntbevölkerungsreichste Stadt der Europäischen Union. Rund ein Komma vier Millionen Menschen leben in diesen verwinkelten Gassen. Und als charmante Randnotiz: Über einundachtzigtausend Hunde gehören zu den Einwohnern … was den Parks eine ziemlich eigene Dynamik verpasst. Wirtschaftlich ist die Region ebenfalls stark: gemessen an der Kaufkraft ist Prag die drittreichste Region Europas. Und trotzdem hat die Stadt ihre mittelalterliche Seele nicht verloren. Hinter jeder Ecke wartet die nächste Geschichtsschicht. Wenn du bereit bist … gehen wir weiter.



