Schau mal nach links: Da steht dieser wuchtige Bau aus dunklem, unverputztem Stein, mit zwei ungleichen Türmen, die vor lauter spitzen Fialen fast ein bisschen übermotiviert wirken. Dazwischen, im Giebel, glänzt eine goldene Figur. Das ist die Teynkirche, offiziell die Kirche Unserer Lieben Frau vor dem Teyn. Und ja, die dominiert die Silhouette hier schon seit dem vierzehnten Jahrhundert.
Architektonisch ist das Hochgotik vom Feinsten: gebaut vor allem aus Sandstein und „Opuka“... das ist ein weiches, lokales Mergelgestein, das man gern als Füllmaterial in den Mauern verwendet hat. Dass die Kirche heute so rau und düster aussieht, ist übrigens kein mittelalterlicher Stilwille, sondern ein Ergebnis einer Renovierung im neunzehnten Jahrhundert. Damals hat man den ursprünglichen Putz entfernt. Gute Idee, wenn man auf „dramatisch“ abzielte.
Inhaltlich steckt in dem Gebäude jede Menge religiöser Zündstoff. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde die Kirche zur Hauptkirche der Hussiten, also früher böhmischer Reformbewegter, die sich von der katholischen Kirche absetzten. Ein Kernpunkt: Beim Abendmahl sollten auch normale Gläubige aus dem Kelch Wein trinken dürfen, nicht nur Priester. Als Symbol dafür hing man vorne am Giebel einen riesigen goldenen Kelch auf.
Nur: Eine Großkirche inmitten einer religiösen Revolution fertigzubauen ist… sagen wir… kompliziert. Im Jahr vierzehnhundertsiebenunddreißig wurde das Holz für den Dachstuhl kurzerhand vom Kaiser beschlagnahmt. Und nein, es ging nicht in den Bau. Daraus wurden Galgen gezimmert, um den hussitischen Rebellenhauptmann Jan Roháč und fünfzig seiner Männer hinzurichten. Das Dach bekam die Kirche erst zwanzig Jahre später.
Spätestens sechzehnhunderteinundzwanzig drehte sich der Wind brutal: Nach einem großen katholischen Sieg wurden die Hussiten vertrieben. In einer Nachtaktion rissen katholische Helfer den goldenen Kelch und die Statue des hussitischen Königs herunter. Und der Kelch? Der wurde eingeschmolzen und zum goldenen Heiligenschein der Jungfrau Maria umgegossen, genau dort, wo vorher das Rebellensymbol hing.
Die Türme selbst sind etwa achtzig Meter hoch. Es gibt eine frei erfundene Legende über einen Glöckner, der sein Pferd die Treppen im Nordturm hinaufgeritten haben soll. Deutlich realer, und ziemlich riskant: In den neunzehnhundertsiebziger und achtziger Jahren stand die Kirche lange eingerüstet. Das lockte Hunderte von Waghalsigen an, die illegal außen hochkletterten, bis ganz zu den Spitzen. Oben im Südturm führten sie sogar ein geheimes Gipfelbuch. Und dieser Südturm hat seit neunzehnhundertsechsundneunzig noch ein modernes Geheimnis: einen der ältesten Mobilfunk-Sender des Landes, geschickt im mittelalterlichen Stein versteckt.
Drinnen wartet dann ein ganzer Kunstschatz, unter anderem der schön gearbeitete Grabstein von Tycho Brahe, dem berühmten dänischen Astronomen des sechzehnten Jahrhunderts. Ein Ort, der Streit, Glanz und leisen Eigensinn über Jahrhunderte eingesammelt hat. Wenn du soweit bist, gehen wir weiter zur Basilika Sankt Jakob.


