Da vorne: die helle, hohe Steinfront. Auf einer Seite ragt ein einzelner Turm hoch, und direkt über dem Eingang drücken sich wuchtige Heiligenfiguren fast schon aus der Wand heraus. Du stehst vor der Basilika St. Jakobus der Ältere, einer der größten Kirchen Prags … und eine, die erstaunlich viele Schichten Geschichte in sich stapelt.
Vorhin war da die Teynkirche, ganz großer Auftritt. Diese Basilika hat aber ihren eigenen, leicht eigenwilligen Charakter. Gegründet wurde sie im dreizehnten Jahrhundert für die Minoriten, also einen Bettelorden. Das heißt: Die Mönche lebten wirklich von Spenden. Praktisch, wenn man Nachbarn hat, die notfalls handfest werden. Gleich um die Ecke saß die Metzgerzunft. Wenn plündernde Truppen oder religiöse Aufstände drohten, marschierten die Metzger mit ihren Hackmessern an und verteidigten die Kirche … sagen wir mal: sehr überzeugend. Und das ist nicht nur Folklore: In der Kirchenmauer steckt bis heute eine Steintafel aus dem Jahr sechzehnhundertfünfzehn. Die Botschaft ist klar: Wer hier raubt, wird von den Metzgern in Stücke gehackt. Herzlich willkommen.
Trotz dieser Art von Sicherheitsdienst war gegen das große Feuer von sechzehnhundertneunundachtzig kein Kraut gewachsen. Politische Brandstifter legten es während eines europäischen Thronfolgekonflikts. Das gotische Dach stürzte ein und riss einen Großteil des Innenraums mit. Beim Wiederaufbau bekam die Kirche ihr barockes Gesicht: eine riesige Tonnenwölbung, also eine Decke wie ein halbierter Tunnel, und dazu „Lünetten“ … das sind halbkreisförmige Einschnitte im Gewölbe, durch die Licht in das Mittelschiff fällt, den langen Hauptgang der Kirche. Drinnen stehen zweiundzwanzig reich verzierte Altäre, und außerdem die größte Orgel der Tschechischen Republik mit über achttausend Pfeifen. Ja, das ist eine Menge Luft in Bewegung.
Und dann sind da die Geschichten, für die St. Jakobus berüchtigt ist. Gleich beim Eingang hängt hoch oben an einem Fleischerhaken ein verschrumpelter, mumifizierter menschlicher Arm. Die Legende: Ein Dieb versteckte sich nach dem Zuschließen, um Schmuck von einer hölzernen Marienfigur zu stehlen. Als er zugriff, soll die Statue lebendig geworden sein, sein Handgelenk gepackt haben und nicht mehr losgelassen haben. Am nächsten Morgen konnte niemand die Holzfinger lösen … also rief man die Metzger. Die amputierten den Arm. Der hängt dort seit über vierhundert Jahren als ziemlich drastische Erinnerung an die Zehn Gebote. Manche Kirchen arbeiten eben mit klaren Ansagen.
Nicht weniger unheimlich ist der Fall des Grafen Vratislav von Mitrovice, Kanzler und Besitzer eines prächtigen Marmorsarkophags hier in der Basilika. Er litt an Taphophobie, der lähmenden Angst, lebendig begraben zu werden. Als er Anfang des achtzehnten Jahrhunderts starb, legte man ihn in einen Holzsarg und verschloss ihn unter einer schweren Marmorplatte. Einige Tage später hörten Leute gedämpftes, panisches Klopfen aus dem Grab. Die Priester hielten es für ruhelose Geister und gossen Weihwasser über den Stein. Jahrzehnte später, als man die Gruft für die Beisetzung seines Sohnes öffnete, kam das Grauen ans Licht: Der Sarg war von innen zertrümmert, und die Knochen lagen in einer verzweifelten, zusammengekauerten Haltung direkt unter der unbeweglichen Platte. Er war tatsächlich aufgewacht … und konnte nicht mehr heraus.
Hier gehen große Kunst und dunkle Geschichten Hand in Hand. Wenn du soweit bist, gehen wir weiter.



