Links vorne siehst du eine gewaltige Steinbrücke, die sich in einem sanften Bogen über die Moldau spannt. Am Eingang steht ein dunkles, hoch aufragendes gotisches Tor wie ein Türsteher aus dem Mittelalter. Das ist die Karlsbrücke. Wenn du ungefähr zwanzig Meter zurückbleibst, wirkt sie am eindrucksvollsten, weil man ihre ganze Breite und Länge auf einmal begreift.
Und ja, das ist schon ein ziemlicher Stilwechsel zu dem wuchtigen, modernen Raum beim Stalin Denkmal, das wir vorhin hatten. Prag kann Kontraste.
Die Karlsbrücke ist ein echter Überlebenskünstler. Der Bau begann im Jahr dreizehnhundertsiebenundfünfzig unter König Karl dem Vierten. Er ließ sie errichten, um die ältere Judithbrücke zu ersetzen, die eine katastrophale Flut weggerissen hatte. Karl war nicht nur König, sondern auch begeisterter Numerologe. Numerologie bedeutet: Man glaubt, dass Zahlen eine geheimnisvolle, fast magische Bedeutung haben. Der Legende nach wartete er für den ersten Stein auf einen ganz bestimmten astrologischen Moment: im Jahr dreizehnhundertsiebenundfünfzig, am neunten Tag des siebten Monats, um fünf Uhr einunddreißig am Morgen. Als Zahlenfolge ergibt das ein perfektes Palindrom: eins drei fünf sieben neun sieben fünf drei eins. Der Kaiser war überzeugt, diese Reihenfolge mache die Brücke unzerstörbar. Eine Art mittelalterliches Qualitätssiegel.
Getestet wurde das genug. Über Jahrhunderte war dies der einzige Übergang über die Moldau: eine Schlüsselstelle für den Handel zwischen Ost und West und Teil der Krönungsroute böhmischer Könige. Aber wer wichtig ist, wird auch angegriffen. Schau zum Altstädter Brückenturm am Eingang. Im Jahr sechzehnhunderteinundzwanzig, nach einem gescheiterten Aufstand gegen die Habsburger, hängte man die abgetrennten Köpfe von siebenundzwanzig Rebellenführern an den Turm. Grausam, aber als Abschreckung leider sehr wirksam. Später, im Jahr sechzehnhundertachtundvierzig, versuchten schwedische Truppen, genau hier überzusetzen. Die Kämpfe waren so heftig, dass fast der gesamte ursprüngliche gotische Schmuck von der zum Fluss gerichteten Turmseite heruntergerissen wurde.
Die Brücke ist über fünfhundert Meter lang. Entlang der Strecke steht eine Art Stein-Allee aus dreißig Statuen. Die meisten zeigen Schutzheilige im Barockstil, also mit viel Drama, starken Gesten und detailverliebter Oberfläche. Um das Jahr siebzehnhundert entstanden sie durch Bildhauer wie Matthias Braun und die Familie Brokoff. Was du hier siehst, sind allerdings Kopien: Seit dem Jahr neunzehnhundertfünfundsechzig hat man die Originale nach und nach in ein Museum gebracht, um sie zu schützen.
Auch die Brücke selbst brauchte Schutz. Sie ruht auf sechzehn Bögen, und davor sitzen Eisbrecher, das sind spitze Steinvorsprünge, die treibende Eisplatten auseinanderdrücken sollen. Trotzdem kam die große Flut im September achtzehnhundertneunzig: Tausende treibende Baumstämme und Flöße verkeilten sich, der Druck wurde enorm, drei Bögen stürzten ein, und zwei Statuen fielen in die Fluten.
Kaum vorstellbar, wenn man weiß, dass bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sogar Pferdestraßenbahnen und Busse hier entlangfuhren. Erst eine große Restaurierung in den neunzehnhundertsiebziger Jahren hat den Verkehr endgültig verbannt.
Jetzt gehört die Karlsbrücke den Fußgängern... und den Heiligen aus Stein. Nimm den Blick über die Moldau mit, und wenn du bereit bist, gehen wir weiter.


