Links von Ihnen steht ein gedrungenes Eckhaus aus grauem Stein: Reihen kleiner Fensterscheiben, dazu ein etwas unordentlich wirkender, altmodischer Dachverlauf. Direkt daneben, am Gehweg, sitzt so ein niedriges, rundes Steinding, fast wie ein Brunnenkopf....
Das ist das Moubray House. Eines dieser Überlebensstücke an der Royal Mile, bei denen man merkt: Edinburgh ist nicht nur alt, sondern auch ziemlich stur. Der Teil zur Straße stammt aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert, steht aber auf Fundamenten von etwa vierzehnhundertsiebenundsiebzig. Hier wurde also schon gewohnt, gearbeitet und gestritten, bevor Shakespeare überhaupt richtig in Fahrt kam. Und ja: Es gilt als eines der ältesten durchgehend bewohnten Wohnhäuser der Stadt. Übersetzt heißt das: seit Jahrhunderten immer irgendwer als Mitbewohner dabei....
Der Standort ist kein Zufall. Sie sind nahe dem früheren Netherbow Port, dem Haupttor nach Edinburgh, bis es im Jahr siebzehnhundertvierundsechzig abgerissen wurde. Stellen Sie sich den Engpass vor: knarrende Karren, Händlerstimmen, Wachen mit prüfendem Blick. Und dieses niedrige Steinding vor dem Haus ist der Netherbow Well, eine alte Wasserstelle der Altstadt. Mittelalter heißt eben auch: mit dem Eimer anstehen, während das Vieh ungefragt mitdiskutiert....
Moubray House hat sogar das „Burning of Edinburgh“ im Jahr fünfzehnhundertvierundvierzig überlebt, als Heinrich der Achte die Stadt praktisch anzünden ließ. Das Grundstück, damals „land“ genannt, hielt sich irgendwie. Die Besitzverhältnisse waren herrlich verworren: Vorderhaus, Mittelteil, Hinterhaus, verschiedene Stockwerke, verschiedene Mieter... wie ein jahrhundertelanges Jenga-Spiel mit Immobilien....
Die Moubrays waren gut vernetzte Kaufleute, vor allem im Tuchhandel. Ein Andrew Moubray lieferte Stoff an Königin Margarete von Dänemark, um ihre Badewanne auszukleiden. Königlicher Luxus: Premium-Badewannen-Innenfutter. Ein anderer Moubray verkaufte feines Tuch an König James den Vierten und wurde im Jahr vierzehnhundertsechsundneunzig mit einem vergoldeten Becher bezahlt. Passendes Kleingeld war offenbar Glückssache. Sogar international handelten sie: Wolle raus, Wein und Felle rein, über Routen etwa via Middelburg in den Niederlanden....
Drinnen lohnt sich der Blick nach oben: bemalte Renaissance-Decken und üppiger Stuck mit Früchte-und-Blumen-Ornamenten, plus ein tonnengewölbter Dachraum, den man außen an der Dachlinie erahnt. Manche Details waren lange verdeckt; eine außergewöhnliche bemalte Decke wurde erst neunzehnhundertneunundneunzig wiederentdeckt. Renovieren kann überraschend persönlich werden....
Und die Gästeliste ist nicht schlecht: Der Maler George Jamesone wohnte hier. Daniel Defoe arbeitete im Jahr siebzehnhundertzehn von hier aus, redigierte eine Zeitung und schob die Act of Union mit an. Später gab es sogar eine Taverne, und der Laden zur Straße gehörte Archibald Constable, dem Verleger mit Verbindung zur Encyclopaedia Britannica. Wohnen, Geschäft und Geschichte... übereinander gestapelt, ganz Edinburgh....
Wenn Sie weiter wollen: Old St Paul’s erreichen Sie in etwa drei Minuten, westwärts die High Street entlang.



