
Vor Ihnen erstreckt sich die Kirchenfeldbrücke als genietete Eisenkonstruktion, deren zwei massive Fachwerkbögen auf einem kräftigen Steinpfeiler ruhen und das tiefe Flusstal überspannen. Das Bauwerk galt als absoluter technischer Triumph, als es in nur einundzwanzig Monaten Bauzeit errichtet und 1883 eingeweiht wurde. Gesteuert und finanziert wurde das Projekt von der Berne Land Company, einer diskreten Londoner Gesellschaft mit beträchtlichem Reichtum. Diese kaufte das Land auf der anderen Flussseite auf, um es als exklusives Viertel zu erschliessen. Dafür brauchte man eine direkte Verbindung, weshalb die Berner das Bauwerk anfangs einfach die Englische Brücke nannten.
Wenn Sie einen kurzen Blick auf Ihre App werfen, zeigt das zweite Bild wunderbar die markante Bauweise als gelenklose Bogenbrücke, also eine extrem feste Tragstruktur ganz ohne stabilisierende Scharniere. Es war damals erst die dritte Brücke dieser Art in der ganzen Schweiz.

Schauen Sie nun einmal genau auf dieses riesige Eisengerüst, das sich über die Aare spannt, und stellen Sie sich vor, welche finanzielle Panik diese majestätischen Bögen fast zu einer unvollendeten Bauruine gemacht hätte.
Die weitreichenden Schockwellen des Wiener Börsenkrachs von 1873 trafen die damalige Wirtschaft hart und stürzten die verantwortliche Metallbaufirma in eine tiefe Krise. Nach der glänzenden Fertigstellung dieses gigantischen Projekts blieben der Firma durch die globale wirtschaftliche Turbulenz plötzlich sämtliche weiteren Aufträge aus. Dieser drohende Bankrott zwang den genialen Mitkonstrukteur Jules Röthlisberger dazu, sein eigenes technisches Meisterwerk und die Stadt Bern sofort zu verlassen, um andernorts ganz von vorne anzufangen. Die unsichtbaren Kräfte der globalen Finanzwelt hatten den Schöpfer vertrieben.
Doch sein Werk aus dreizehnhundert Tonnen Schmiedeeisen und geschätzten zweihunderttausend Nieten blieb unbeeindruckt stehen. Allerdings mit ein paar unerwarteten Tücken. In den ersten Jahrzehnten brachten Pferde im Trabschritt die Brücke vertikal zum Hüpfen, während im Gleichschritt marschierende Fussgänger sie waagerecht schwanken liessen. Man musste die Hauptpfeiler schliesslich massiv mit Stahlbeton ummanteln, um das Bauwerk für die neuen, schweren Verkehrsmittel zu beruhigen. Auf dem dritten Bild auf Ihrem Bildschirm sehen Sie eine Strassenbahn auf der später umgebauten Fahrbahn.

Solche tiefgreifenden baulichen Eingriffe gefielen nicht jedem in Bern. Als die Stadtverwaltung 1972 das ursprüngliche gusseiserne Brüstungsgeländer durch modernes, nüchternes Leichtmetall ersetzte, platzte dem Architekten Kurt Moritz Gossenreiter der Kragen. In einer illegalen Nacht-und-Nebel-Aktion montierte er kurzerhand ein schwarz lackiertes Stück des historischen Originalgeländers provozierend mitten in die neue Konstruktion. Überraschenderweise liess die Stadt dieses rebellische Denkmal einfach stehen, wo es bis heute existiert.
Wir machen uns jetzt auf den knapp dreiminütigen Weg hinüber zum Helvetiaplatz. Da diese Brücke rund um die Uhr geöffnet ist, können Sie sich beim Überqueren alle Zeit der Welt lassen, um am anderen Ende nach diesem handfesten Stück Berner Ungehorsam Ausschau zu halten.


