Zu Ihrer Rechten sehen Sie die Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz, oder kurz Dodis. Das klingt vielleicht erst einmal nach einem Ort für staubige Aktenordner und leise murmelnde Archivare. Aber täuschen Sie sich nicht. Hier wird an der vordersten Front um die Schweizer Geschichte gekämpft. Dodis ist nämlich kein staatlich kontrolliertes Sprachrohr, sondern ein absolut unabhängiges Forschungsinstitut. Die Forscher entscheiden nach streng wissenschaftlichen Kriterien, welche diplomatischen Dokumente ans Licht kommen.
Wie wichtig diese Unabhängigkeit ist, zeigte sich im Jahr 2016. Damals sorgte ein Gerücht für gewaltigen Wirbel in den Medien. Ein Journalist stellte die These auf, der ehemalige Bundesrat Pierre Graber hätte 1970 heimlich einen Deal mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation, der PLO, geschlossen. Ein Geheimabkommen, das angeblich dazu diente, die Schweiz vor weiterem Terrorismus zu bewahren. Das Dodis-Team ging sofort an die Arbeit und durchleuchtete die historischen Archive mit einem systematischen Faktencheck. Das Ergebnis? Nichts. Absolut kein einziger Beleg für einen solchen Deal liess sich finden. Die Forscher konnten den Mythos wissenschaftlich entkräften und bewiesen so ihre Rolle als korrigierende Instanz gegenüber spekulativen Geschichtsbildern.
Aber selbst die akribischsten Forscher stossen an ihre Grenzen, wenn Akten gar nicht erst im Bundesarchiv landen. Und hier wird es wirklich düster. Erinnern Sie sich an die Crypto-Affäre? Die Schweizer Firma Crypto AG verkaufte jahrzehntelang manipulierbare Chiffriergeräte - also geheime Verschlüsselungsmaschinen - an ausländische Regierungen, damit Geheimdienste weltweit unbemerkt mitlesen konnten. Als dieser massive Skandal aufflog, tauchten brisante Unterlagen plötzlich nicht im regulären Archiv auf, sondern gut versteckt in einem geschützten Militärbunker namens Kommandoanlage K20. Der Direktor von Dodis, Sacha Zala, warnte daraufhin öffentlich vor solchen Schattenarchiven. Das Problem ist, dass das Bundesgesetz keine wirklichen Sanktionen für Ämter vorsieht, die ihre Akten einfach zurückhalten. Für Historiker bleibt diese Dunkelziffer an vernichteten oder versteckten Dokumenten, besonders im Bereich der Nachrichtendienste, eine ständige Frustration. Es ist die perfekte Illustration dafür, wie viel noch immer im Schatten bleibt.
Wenn die Dokumente jedoch zugänglich gemacht werden, offenbaren sie oft die ungeschönten Wahrheiten der Diplomatie. Nehmen wir die Akten zum Besuch von Nelson Mandela in Bern im Jahr 1990. Während Mandela die Schweiz dringend bat, sich den internationalen Sanktionen gegen das südafrikanische Apartheid-Regime anzuschliessen, pochten Schweizer Wirtschaftsvertreter einfach auf das übliche Geschäft. Die Dokumente belegen, wie die moralische Dimension zugunsten wirtschaftlicher Interessen und einer sehr formalistischen Auslegung der Neutralität schlicht ausgeblendet wurde.
Hier wird greifbar, wie viel Macht in einem simplen Blatt Papier stecken kann, wenn es nicht gerade im Bunker verschwindet. Wenn Sie übrigens selbst einmal in diesen Papieren stöbern möchten, können Sie das von Montag bis Freitag jeweils am Vormittag tun. Wir machen uns nun auf den Weg zum Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, das etwa sechs Gehminuten entfernt liegt. Es entbehrt nicht einer gewissen historischen Ironie, dass die Behörde für zukünftige Innovationen ausgerechnet in einem Viertel residiert, in dem so viel Energie darauf verwendet wurde, die Vergangenheit zu verschlüsseln.


