Auf Ihrer rechten Seite befindet sich das Museum der flämischen Wandteppiche. Ein etwas unerwarteter Name für eine Sammlung im tiefsten Sizilien, finden Sie nicht auch? Die Geschichte, wie diese Meisterwerke hierher kamen, beginnt mit einer Naturgewalt.
Der Legende nach wurden die Winde des Schicksals im sechzehnten Jahrhundert für Marsala ziemlich wörtlich genommen. Ein gewaltiger Sturm zwang das englische Königsschiff von Maria Tudor, besser bekannt als Bloody Mary, Schutz in diesem Hafen zu suchen. Der örtliche Bischof, Monsignor Lombardo, bot der Königin sichere, verborgene Zufluchtsorte, um das tosenden Unwetter auszusitzen. Als Maria später Philipp den Zweiten heiratete und Königin von Spanien wurde, reiste Lombardo auf die iberische Halbinsel, um sie um Steuerbefreiungen für Marsala zu bitten. Als Dank für seine einstige Gastfreundschaft soll sie ihm diese acht prächtigen flämischen Wandteppiche geschenkt haben.
Es ist eine wunderbare romantische Geschichte. Historiker halten sie natürlich für völligen Unsinn. Die weitaus langweiligere Wahrheit ist, dass der wohlhabende Bischof sie höchstwahrscheinlich einfach während seiner Amtszeit in Messina gekauft hat.
Aber die Teppiche selbst sind keineswegs Fiktion. Sie wurden zwischen 1550 und 1575 in Brüssel in der renommierten Werkstatt von Cornelis Tons gewebt. Die komplexen Entwürfe stammen von dem flämischen Maler Peter De Kempeneer. Auf den ersten Blick zeigen diese riesigen, aus Seide und Wolle gewebten Bilder die römische Eroberung Jerusalems. Doch wenn man die Textilien genauer betrachtet, bemerkt man einen bewussten Fehler in der Zeitlinie, einen historischen Anachronismus. Die abgebildeten Rüstungen und Waffen stammen nämlich nicht aus der Antike, sondern exakt aus dem späten sechzehnten Jahrhundert. Das Ganze ist eine riesige politische Allegorie, ein verborgenes Sinnbild. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer steht hier stellvertretend für den gnadenlosen Religionskrieg der spanischen katholischen Herrscher gegen die protestantischen Aufstände in Flandern.
Bischof Lombardo wusste genau, welchen Schatz er in den Händen hielt. In seinem Testament verfügte er zwingend, dass die Teppiche niemals verkauft werden dürften. Diese weise Klausel rettete die Sammlung, als ein gieriger Priester im neunzehnten Jahrhundert versuchte, das Erbe einfach heimlich zu Geld zu machen. Das Überleben der Meisterwerke blieb danach ein ständiger Kampf. Im Jahr 1892 mussten sie sogar in Panik aus der Kirche entfernt werden, weil das Dach einzustürzen drohte, was ein langes Kapitel des Vergessens einleitete.
Dass wir heute von einem Museum sprechen können, verdankt die Stadt einem lokalen Helden, Monsignor Andrea Linares. Er kämpfte hartnäckig gegen den bürokratischen Stillstand und sorgte 1984 dafür, dass die Teppiche gerettet und ausgestellt wurden. Doch die Geschichte wiederholt sich. Nach einer teuren Restaurierung im Jahr 2020 wurden die Kunstwerke aufgrund absurder bürokratischer Verzögerungen jahrelang in Holzkisten gesperrt, was die feinen Naturfasern durch fehlende Luftzirkulation massiv gefährdete. Ein paradoxer Verwaltungsakt, der beweist, dass es oft die unnachgiebigen Bürger dieser Stadt braucht, um ihre eigene Geschichte immer wieder aufs Neue vor dem Verfall zu retten.
Und genau von solchen mutigen Menschen, die das Schicksal ihrer Heimat selbst in die Hand nehmen, handelt unser nächster Halt. Machen wir uns auf den Weg zum Garibaldi Risorgimento Museum Giacomo Giustolisi. Es ist nur ein dreiminütiger Spaziergang von hier.



