Um die Stadtpfarrkirche St. Paul zu erkennen, halte Ausschau nach einer einladenden Freitreppe, die vom Paulusbogen - dem Nordtor zur Altstadt - zu einer cremefarbenen und rosafarbenen Kirche mit nur einem Turm hinaufführt.
Willkommen vor der ältesten Pfarrkirche Passaus - St. Paul! Hier bist du wirklich auf uraltem Grund unterwegs, und falls du meinst, die Kirche habe schon ein paar Geschichten erlebt, dann hast du vollkommen recht. St. Paul ist die wahre Großmutter aller Passauer Pfarrkirchen! Schon um 1050 wurde hier die erste Kirche dem heiligen Paulus geweiht - und unter uns, das war wahrscheinlich noch vor der Erfindung der Espresso-Maschine.
Doch mit ruhigem Kirchglockengeläut war hier lange nichts: Feuer und Flamme suchten die Kirche immer wieder heim. Zwei große Brände, erst 1512 und dann 1662, hinterließen die Vorgängerbauten als Ruinenhaufen. Vielleicht dachte damals schon jemand: „Das ist ja zum Haareraufen!“ Aber 1678 hielt ein gewisser Carlo Antonio Carlone die Pläne für die heutige Kirche in der Hand - vielleicht hörte man seine Freude durch die Baustelle schallen: „Keine Sorge, diesmal bauen wir etwas Bleibendes!“
Während du vor der Kirche stehst und das cremig-rosafarbene Äußere bestaunst, fällt dir vielleicht der Turm auf - gar nicht so hoch wie erwartet, oder? Da stecken gleich mehrere Geschichten drin: Ursprünglich trug der Turm einen sehr flachen Helm - fast mehr als Haube denn als Hut. Doch im 19. Jahrhundert wollte man höher hinaus und baute einen spitzen Helm auf - allerdings, wie in Italienischer Oper, nicht von Dauer. 1950 wurde dieser wegen angeblicher Baufälligkeit wieder abgetragen und seitdem ist der Turm nur noch etwa ein Drittel so hoch wie einst. Wer weiß, vielleicht ist Passau einfach ein bisschen abergläubisch, wenn es ums Turmtragen geht.
In der Fassade geht es ordentlich zu: Fünf Achsen, Pilaster im toskanischen und korinthischen Stil, Rundbogenfenster unten, Rechteckfenster oben. Alles in Rosa und Creme, als hätte die Kirche ein bisschen zu lange im Zuckerstreuer gelegen. Über der Eingangstür findest du in einer Nische ein Bildnis des heiligen Paulus - der Blick des Titelheiligen scheint zu sagen: „Na, bist du bereit für ein wenig Kirchenmagie?“
Trittst du dann ins Innere, empfängt dich eine Wandpfeiler-Emporenhalle, die sich in Zapfen und Bögen vor dir entfaltet wie ein höfischer Fächer. Die Stimmung ist hell und freundlich - weiße Wände und große Fenster tauchen den Raum ins Licht. Doch dann: Schwarze, vergoldete Altäre und eine ebenso schwarze Kanzel, als wollten sie dir zuflüstern: „Vergiss nicht, hier schlummert tiefste Geschichte!“
Der Hochaltar, um 1700 entstanden, ist eine echte Bühne - vier pompöse korinthische Säulen rahmen ein mächtiges Altarbild von Franz Werner Tamm. Hier wird’s dramatisch: Die Enthauptung des Apostels Paulus als großes Barockkino. Wenn du nach oben blickst, entdeckst du sogar eine Replik der berühmten Maria Pötsch aus Wien. Engelchen sitzen trällernd auf den Eckpunkten, und unter dem Gewölbe wacht Christus als Salvator mundi - der Welterlöser - über alles.
Und wer gerne Detektiv spielt: Achte mal auf die Seitenaltäre und die Kanzel! Die stammen noch aus der „Geburtsstunde“ der Kirche um 1678 bis 1689. Direkt unter der Orgelempore hängt ein echtes Kunstschätzchen: Die „Beweinung Christi“ von Johann Michael Rottmayr aus dem Jahr 1689 - wer da genauer hinsieht, entdeckt vielleicht einen Tropfen Tränenschweiß. Und auf der anderen Seite: „Magdalena vor dem gekreuzigten Jesus“, gemalt 1794 von Joseph Bergler dem Jüngeren, harmonisch, klassizistisch, fast schon ein bisschen zurückhaltend.
St. Paul hat also alles: Dramatik, Glanz, Familienkrisen und große Kunst - und das Ganze seit fast 1000 Jahren. Also, wenn du das nächste Mal an Rom denkst, dann weißt du: Auch in Passau stehen kleine Giganten der Geschichte und warten auf ihre Entdecker - dich!



