Direkt vor dir siehst du das Hôtel de Ville, leicht zu erkennen an seiner Fassade aus Stein und rötlichem Ziegel, den zwei halbrunden Eingangstoren und der auffälligen Uhr mit den wehenden französischen und katalanischen Flaggen - schau einfach nach oben zur Uhr, und du verfehlst es nicht!
Stell dir vor, du stehst am Anfang des 14. Jahrhunderts hier auf dem zentralen Platz der reichen Tuchhändler. Um dich herum reges Treiben, Geschäfte werden gemacht, Stoffballen werden geschleppt, und mitten drin entsteht das Rathaus, 1318 von den fünf Konsuln und mit Zustimmung von König Sancho geplant. Kein Wunder - in dieser Gegend konnte man damals vermutlich mehr Stoff finden als heute in jedem gut sortierten Baumarkt! Die Herren wollten prunkvoll bauen, doch der Platz war knapp - deshalb sieht das Rathaus nicht rechteckig, sondern trapezförmig aus. Selbst in der Architektur ging es damals schon um Millimeterarbeit.
Die Steine, aus denen das Haus gebaut wurde, sind fein säuberlich behauen, die Bögen erinnern ein bisschen an den Eingang zu einer Schatzkammer. Wenn du zu den Fenstern blickst, siehst du Reihen von glatten Kieselsteinen, die in die Fassade eingelassen wurden - typisch katalanisch! Genau über dem Eingang prangen drei bronzene Hände - die erinnern ein wenig an eine Handwerkerparade nach einem langen Arbeitstag. Jede steht für eine Gruppe im alten Stadtleben: die Bürger, die Fachleute und die Händler. Wer wohl die schönste Schrift bei Abstimmungen hatte?
Zwischen zwei Fenstern tickt eine Uhr - und wer ganz genau hinsieht, entdeckt eine kunstvoll verzierte Dachtraufe ganz oben. Früher wie heute hörte man von hier aus auch das Läuten bei wichtigen Entscheidungen. Innen wurde ebenfalls geklotzt: Die Hochzeitssäle sind prunkvoll und mit Mustern im maurischen Stil verziert, ideal, wenn man einen Hauch von Alhambra-Feeling mitten in Perpignan wollte! Sogar Napoleon sollte mal kommen und dafür wurde aufwendig dekoriert - er ist dann aber einfach nicht erschienen! Tja, vielleicht war der französische Kaiser im Stau.
Ein weiteres Schmuckstück ist die Salle Arago, der frühere Ratssaal. Die Wände erzählen Geschichte - mit Bildern vom berühmten Hannibal, der mit seinen Elefanten die Alpen überquerte (Stell dir mal den Verkehrsstau damals vor!), von König Johann II., der schwor, Perpignan zu schützen, und von der Siegesfeier nach der Schlacht von Peyrestortes.
Doch auch Ernstes ist hier passiert. Nach der Befreiung im Zweiten Weltkrieg, am 18. August 1944, war plötzlich alles voller Jubel und Stimmen - ein Mitglied der Résistance, Félix Mercader, wurde zum Bürgermeister gekürt und zog direkt in das Rathaus ein. Es war, als hätte das alte Haus einmal tief durchgeatmet.
Wenn du heute das große Tor und den kieselsteingesprenkelten Innenhof betrittst, kannst du eine Skulptur entdecken - „Die Mittelmeerfrau“ von Aristide Maillol sitzt da ganz lässig und blickt seit 1905 dem Trubel zu. Wer weiß, vielleicht zwinkert sie dir sogar heimlich zu - „bienvenue à Perpignan!




