Schau nach links: Da steht der dunkle Steinriese des Veitsdoms, mit zwei spitzen gotischen Türmen wie Nadeln und dazwischen diesem riesigen runden Rosenfenster, so fein geschnitzt, dass man fast vergisst, wie schwer das alles ist. Und nachdem wir gerade durch die äußeren Höfe der Prager Burg gekommen sind, passt es ziemlich gut, hier zu enden: vor der größten und wichtigsten Kirche des Landes.
Offiziell heißt sie Metropolitankathedrale der Heiligen Veit, Wenzel und Adalbert. Die Geschichte beginnt schon im Jahr neunhundertdreißig, als Herzog Wenzel genau hier eine frühe Rotunde bauen ließ, also einen rundlichen Steinbau. Der Auslöser war ein ziemlich spezielles Mitbringsel: Er hatte vom Kaiser eine Reliquie bekommen, den Arm des heiligen Veit. Und ja... das war auch Politik. Der Name Svatý Vít klang für tschechische Ohren fast wie der heidnische Sonnengott Svantevit. Wenzel wusste: Wenn zwei Namen fast gleich klingen, klappt die Umstellung im Kopf oft schneller. Missionieren mit sprachlichem Trick.
Der gotische Bau, der heute über dir aufragt, wurde im Jahr dreizehnhundertvierundvierzig unter König Karl dem Vierten begonnen. Er wollte eine Krönungskirche, eine Schatzkammer und eine Familiengruft in einem. Der erste Baumeister, der Franzose Matthias von Arras, brachte strenge französische Gotik mit. Dazu gehören Strebebögen: diese elegant geschwungenen Steinbögen außen, die die Wände abstützen, damit innen die Decken spektakulär hoch werden können. Dann starb Matthias früh.
Im Jahr dreizehnhundertzweiundfünfzig übernahm der dreiundzwanzigjährige Bildhauer Peter Parler. Weil er nicht nur Pläne zeichnete, sondern Formen „fühlte“, behandelte er den Dom wie eine Riesenskulptur. Er erfand sogar ein neues Deckensystem, das Netzgewölbe: Statt zwei Kreuzrippen laufen doppelte diagonale Steinrippen in einem verflochtenen Zickzack über die Decke... stabiler und ziemlich hypnotisch. Mathematik, die hübsch aussieht.
Nur: Meisterwerke brauchen Zeit. Der Bau stockte über Jahrhunderte wegen der Hussitenkriege im fünfzehnten Jahrhundert, eines verheerenden Feuers im Jahr fünfzehnhunderteinundvierzig und chronischem Geldmangel. Lange stand der Dom halb fertig da, mit einem provisorischen Holzdach über dem Langhaus, also der langen Haupthalle für die Gemeinde.
Drinnen, der Öffentlichkeit entzogen, aber durch die Türen zu erahnen, liegt die Wenzelskapelle. Parler gestaltete sie, und in den unteren Wänden stecken über eintausenddreihundert Halbedelsteine. In der südwestlichen Ecke ist eine kleine, unscheinbare Tür mit sieben Schlössern. Dahinter: die Kronkammer mit den böhmischen Krönungsinsignien, so streng bewacht, dass man sie nur ungefähr alle fünf Jahre zeigt.
Erst im Jahr achtzehnhundertvierundvierzig setzte eine engagierte Baugesellschaft die Vollendung durch. Mit Restaurierung und neugotischen Ergänzungen, darunter ein beeindruckendes Fenster von Alfons Mucha, wurde der Dom im Jahr neunzehnhundertneunundzwanzig offiziell fertig... fast sechshundert Jahre nach dem ersten Stein.
Und dann, nach der Samtenen Revolution, stritten Staat und Kirche vor Gericht um das Eigentum. Im Jahr zweitausendzehn beschlossen Erzbischof und Präsident, den Kleinkrieg zu beenden, und verwalten das Gebäude seitdem gemeinsam in einem Gremium. Nach Jahrhunderten aus Baustellen, Bränden, Kriegen und Klagen hat dieser Dom... endlich seine Ruhe. Verdient hat er sie.


