Wenn du das Denkmal für die Opfer des Kommunismus suchst: Schau geradeaus. Da steht eine Reihe gespenstischer Bronzefiguren auf einer steilen Steintreppe am Fuß des Petřín-Hügels. Man kann sie kaum übersehen, sie warten da oben wie ein stilles Empfangskomitee, nur ohne Smalltalk.
Jetzt steh einen Moment davor. Sechs Figuren, eine nach der anderen. Und wenn du genauer hinsiehst, merkst du: Jede wirkt ein Stück stärker zerfallen als die vorherige. Arme fehlen, der Körper wird löchriger, die Gestalt dünnt aus. Das ist nicht „kaputt“, das ist Absicht. Der Bildhauer Olbram Zoubek und die Architekten Jan Kerel und Zdeněk Holzel wollten, dass du den Prozess spürst: wie ein Mensch unter Druck langsam verschwindet.
Stell dir Prag zwischen neunzehnhundertachtundvierzig und neunzehnhundertneunundachtzig vor. Eine wunderschöne Stadt, aber fest im Griff eines Regimes. Diese Figuren stehen für unzählige Männer und Frauen, die der Kommunismus zerstört hat, körperlich und seelisch. Seelisch heißt hier: Identität, Mut, Zukunft, alles, was einen Menschen von innen zusammenhält. Und trotzdem stehen sie aufrecht. Keine Siegerpose, eher ein trotziges „Ich bin noch da“. Zum Tanzen reicht’s nicht, aber zum Widerstehen.
Unter dir findest du einen Bronze-Streifen mit Zahlen, die einem den Hals zuschnüren: Mehr als zweihunderttausend Tschechen und Slowaken wurden verhaftet. Fast einhunderteinundsiebzigtausend ins Exil gezwungen. Tausende starben im Gefängnis, Hunderte wurden erschossen oder hingerichtet, weil sie fliehen wollten oder frei sprechen.
In der Nähe erinnert eine Tafel daran, dass das Denkmal allen Opfern gewidmet ist: nicht nur den Eingesperrten und Ermordeten, sondern auch denen, deren Leben durch totalitären Despotismus ruiniert wurde. Totalitär bedeutet: Der Staat will alles kontrollieren, sogar Gedanken und Beziehungen.
Als das Denkmal im Mai zweitausendzwei enthüllt wurde, gab es Drama wie in einem Spionageroman: Präsident Václav Havel, selbst berühmter Dissident, war zuerst nicht einmal eingeladen. Er kam am Tag davor trotzdem. Manche fanden die Figuren kitschig, andere fragten, wo die Frauen bleiben. Und zweitausenddrei wurde das Denkmal durch mysteriöse Explosionen beschädigt, die Täter verschwanden spurlos.
Geh weiter, aber nimm dieses Bild mit: angeschlagen, ja. Gebeugt, nein.



