Um den Oetting-Palast zu erkennen, halte Ausschau nach dem hell pfirsichfarbenen Haus mit den eleganten Zierfenstern. Unten siehst du zwei Durchgänge mit Rundbögen. Das Gebäude steht direkt vor dir in der Josefská.
So, und jetzt willkommen vor einer echten Prager Persönlichkeit mit Identitätsproblemen. Je nach Jahrhundert hörst du nämlich auch den Namen Lobkowicz-Haus. Kein Wunder: Die Geschichte hier ist verwinkelter als die Gassen rundherum und beginnt schon im Jahr vierzehnhundertsechs.
Stell dir das Mittelalter an genau diesem Ort vor: Statt Palastduft lag hier zeitweise eher… sagen wir, handfestes Metzgeraroma in der Luft. Denn hier stand einmal ein Schlachthaus. Prag konnte schon früh “Wohnen und Arbeiten” kombinieren, nur eben etwas rustikaler. Nach einem großen Brand und mehreren, nennen wir es mal, wenig nachbarschaftlichen Hussitenaufständen wurde das ursprüngliche Haus zerstört. Die Hussiten, kurz erklärt, waren eine religiöse Reformbewegung in Böhmen, und ihre Konflikte gingen teils ziemlich heftig aus.
Im Jahr fünfzehnhundertachtundvierzig griff Ladislav von Lobkowicz zu und plante hier einen Renaissancepalast. Renaissance heißt: neue Lust auf Harmonie, klare Formen und repräsentatives Wohnen. Das Sahnehäubchen waren geheime Durchgänge und ein versteckter Korridor zur Kirche Sankt Thomas nebenan. Praktisch, wenn man ungesehen rüberhuschen wollte.
Dann kam das Jahr siebzehnhundertdreiundzwanzig mit einem weiteren dramatischen Brand. Die Lobkowicz holten einen Spitzenarchitekten aus Prag, und der Palast wurde größer und barocker. Barock bedeutet: mehr Schwung, mehr Deko, mehr Bühne.
Im Jahr achtzehnhunderteinundvierzig kaufte Fürst Oettingen-Wallerstein das Ganze. Voilà, der Name von heute. Und weil Prag nie genug bekommen kann, kam achtzehnhundertsiebenundachtzig noch ein neoklassizistischer Flügel dazu, also bewusst an die strenge Antike angelehnt. Später zog ein Gymnasium ein, und plötzlich füllten neugierige Schüler die Höfe. Man kann sich vorstellen, wie sie sich gegenseitig Mut machten, in die angeblich “spukigen” barocken Stallungen zu linsen.
Heute sitzt hier die Tschechische Architektenkammer. Passender geht’s kaum: ein Haus, das jeden Stil einmal anprobiert hat und dabei immer noch großartig dasteht.



