Um das San Domenico zu entdecken, halte Ausschau nach einer riesigen, massiven Kirche mit einem hohen, markanten Turm, der deutlich über die umliegenden Häuser hinausragt - du kannst ihn schon von weitem sehen, wie er steil und hell am Rand der Altstadt thront.
Stell dir vor, wie du auf dem Platz stehst und die Sonne auf die alten Steine fällt. Der Wind weht leise durch das große Portal, und ein Gefühl von Geschichte liegt in der Luft - hier waren schon Menschen vor fünfzehnhundert Jahren, als an genau dieser Stelle eine der ältesten Kirchen Perugias stand. Damals, im 5. Jahrhundert, als die Stadt noch von kleinen Wegen und Feldern umgeben war, gab es hier die Pieve di Santo Stefano del Castellare. Generationen von Gläubigen suchten Schutz in ihrem Schatten.
Doch dann kamen die Dominikaner, und mit ihnen änderte sich alles. Die kleine Kirche wurde zu eng, ihr Gewölbe zu niedrig, der Andrang immer größer. So begannen sie im Jahr 1304 ganz neu zu bauen, direkt über die alten Mauern hinweg. Stell dir die Aufregung vor, den Klang von Steinen, die aufeinanderschlagen, das Murren der Maurer, und das leise Flüstern, dass dieser Ort nun noch bedeutender werden sollte. Ein berühmter Mann namens Giovanni Pisano entwarf das neue Gotteshaus, von dem später sogar Giorgio Vasari berichten sollte - als wäre ein Hauch von Florenz nach Perugia gekommen.
Doch nicht alles lief glatt. Die erste große San Domenico-Kirche, San Domenico Vecchio genannt, war prachtvoll, aber im Laufe der Jahrhunderte litt sie. Ihre Mauern rissen, sie drohte einzustürzen. Man stelle sich das Knarren und Knacken in dunklen Nächten vor, das mulmige Gefühl, wenn man sich unter ihr Dach wagte - zu groß war die Gefahr, dass alles auf einmal in sich zusammenfällt. Also wurde sie Anfang des 17. Jahrhunderts komplett umgebaut. Wenn du heute die breite Barock-Treppe und das Portal siehst, dann blickst du auf das Werk der Zeit um 1600.
Drinnen hat der berühmte Architekt Carlo Maderno alles neu gestaltet, der auch den Petersdom in Rom bauten durfte! Man erkennt an der gewaltigen Halle und den hohen Fenstern, dass hier Stolz, Macht und Kunst vereint wurden. An den Seiten ist es fast dunkel und geheimnisvoll, weil nur kleine Fenster Licht hineinlassen.
Doch auch alte Wunder sind geblieben: der riesige Kreuzgang, die sehenswerten Statuen, das filigrane Rosettenfenster über dem Chor aus dem Jahr 1411 - wenn Licht hindurchfällt, leuchtet es wie ein Schatz. Der Glockenturm wurde einst doppelt so hoch gebaut, 126 Meter ragte er über die Dächer, bevor man aus Angst vor Einsturz einen Teil davon abtrug. Heute stehen immer noch zwei Reihen filigraner Fenster übereinander, wie offene Augen, die in die Ferne schauen.
Vielleicht spürst du jetzt die Ehrfurcht, wenn du über den Steinboden gehst, wo einst Papst Benedikt XI. zu Grabe getragen wurde - in einem der eindrucksvollsten Monumente der Kirche. Und vielleicht fragst du dich, wohin all die Gemälde verschwunden sind, die einst die Wände schmückten - geh in die Nationalgalerie, dann findest du manche wieder!
Und wenn du einen Schritt weitergehst und durch den Kreuzgang hinüber in das Archäologische Museum trittst, atmest du die Luft von über zweitausend Jahren Geschichte. In dieser Kirche lebt das alte und das neue Perugia, zwischen geheimen Flüstern und dem Licht, das durch das gotische Fenster bricht.



