Damit du die Abtei Niedernburg sofort erkennst: Schau einfach geradeaus, nach oben - die markanten weißen Türme mit den grünlichen, spitz zulaufenden Dächern ragen wie zwei neugierige Zwillinge über das Häusermeer der Altstadt hinaus.
So, jetzt stelle dir vor, du reist mehr als 1200 Jahre in der Zeit zurück! Es ist das frühe Mittelalter, und an genau diesem Ort wurde um das Jahr 772 das Frauenstift Niedernburg gegründet - vermutlich unter der Leitung von Tassilo III. und seiner mächtigen Gattin Liutberga. Kaum zu glauben, aber auch Legenden von Herzoginnen und mächtigen Fürstinnen ranken sich um diese Gründung - eine agile Frau als Chefin, damals schon! Manche erzählen sogar, der Ursprung könnte bis um das Jahr 700 reichen, als Niedernburg vielleicht zuerst als herzoglicher Landsitz diente. Stell dir die ersten Damen hier vor, wie sie im Duft von Räucherwerk durch romanische Arkaden trippeln - und der Wind, der durch die steinernen Gänge heult, als würde die Geschichte höchstpersönlich Geschichten flüstern.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieses Stift richtig reich, ja selbst „reichsunmittelbar“ - direkt dem Kaiser unterstellt, niemand anderem! Doch dann, 788, Tassilo wird abgesetzt, der Besitz wandert zum König, und ein Machtspiel beginnt. Spätestens ab 1010, als Heinrich II. Niedernburg erneut seine Unabhängigkeit verleiht, herrscht ein reges Treiben: Adelige Damen kommen hierher, wollen Äbtissin werden. Die erste namentlich bekannte war Heilika - klingt wie Helikopter, aber flog garantiert NIE aus dem Fenster! Ihre Nachfolgerin Gisela ist da schon eine Legende: Sie war nicht nur Schwester des Kaisers Heinrich II., sondern auch Witwe eines Königs - der König von Ungarn, Stephan der Heilige. Nach Norden Pilgerwellen aus Ungarn, denn Gisela ist hier begraben, das Grab zu ihren Ehren wird zum Wallfahrtsort; heute noch suchen viele Besucher den besonderen Zauber an ihrem Monument im südlichen Querhaus der Kirche.
Natürlich glich Niedernburg nie einer frommen Oase der Ruhe. O nein! Immer wieder allerlei Machtgerangel: Da war etwa Adelheid von Sulzbach, eine Äbtissin mit so viel Einfluss, dass selbst Ritter erblassten. Berengar I. von Sulzbach wird ihr Vogt, aber politischer Ehrgeiz ist wie ein hungriger Wildschwein - irgendwann wird sogar Adelheid abgesetzt! Die Klosterherrschaft wandert nun endgültig unter die Fittiche der Passauer Bischöfe, und Niedernburg verliert seine Unabhängigkeit.
Mittelalterliche Abenteuer oder märchenhafte Szenen erwarten dich auf Schritt und Tritt. Hast du schon mal vom Nibelungenlied gehört? Angeblich ist das hier erwähnte Kloster das sagenumwobene Niedernburg, in dem heldenhafte Damen und betagte Äbtissinnen auftreten könnten. Kein Wunder, dass um 1500 Papst Alexander VI. (der hatte ganz schön viel zu tun!) sogar die Dechantin Ursula von Schönstein wieder zur Äbtissin erhebt. Gleichzeitig flüstern die Mauern von Bränden - zweimal wurde das Kloster im 17. Jahrhundert von Flammen zerstört, doch wie ein Phönix aus der Asche bauten es die Nonnen ruckzuck wieder auf.
Hier wurde auch Geschichte ins Klassenzimmer getragen: Bereits im 16. Jahrhundert gab es eine Schule für Bürgertöchter in den Konventmauern, und im 18. Jahrhundert folgte eine Trivialschule - ja, der Unterrichtsstoff war bestimmt nicht trivial, ganz im Gegenteil! Besonders spannend bleibt die sagenhafte Legende um Gregorius, den armenischen Erzbischof, der 1093 mittags während einer Sonnenfinsternis starb - und wirklich, die Wissenschaft hat nachgewiesen: Genau zu dieser Zeit gab es tatsächlich eine Sonnenfinsternis. Gregorius ruhte unter dem Hochaltar, seine Geschichte wurde auf Bleiplatten verewigt, heute zu bestaunen im Museum. Falls du etwas klösterliches Gruseln spüren möchtest, stell dir vor, wie der Schatten der Sonnenfinsternis durch die bunten Kirchenfenster fiel - und eine bleierne Stille herrschte.
Ab 1806 wurde das Kloster aufgelöst, und die Gemäuer bewohnten plötzlich Polizei, eine Irrenanstalt und ein Heim für Taubstumme - hier sind wahrlich viele Geschichten zu Hause! Ab 1836 kamen die Englischen Fräulein nach Niedernburg; fleißig arbeiteten sie daran, wieder eine Schule zu betreiben - vielleicht spürst du noch den Fleiß und Eifer, der in den Fluren und alten Klassenzimmern steckt. Erst im Jahr 2017 verließen die letzten Schwestern das Kloster - zu wenige, zu alt. Heute sind noch die Gisela-Schulen und ein Internat hier - und zwischen der Diözese Passau und dem Freistaat Bayern wird feilscht und gefeilscht, wem die prächtigen Gebäude eigentlich gehören.
Wenn du jetzt genauer hinsiehst, erkennst du die romanische Heiligkreuz-Basilika, errichtet im 11. Jahrhundert - steinalt, mit gotischem Chor, barocken Gewölben und sogar einer eigenen Erasmuskapelle, die ein uraltes Pietà-Relief von 1420 birgt. Und vergiss nicht: Die Ostseite birgt die geheimnisvolle Ruine der einstigen Marienkirche - ihre romanischen Wandmalereien erzählen Geschichten von Lazarus und der thronenden Madonna, wenn du ganz still bist, kannst du fast das Raunen vergangener Jahrhunderte hören.
Na, Lust auf mehr Abenteuer? Hier in Niedernburg wartet an jeder Ecke ein kleines Türchen zur Vergangenheit - du brauchst es nur aufstoßen!


