Vor dir erhebt sich ein modern wirkendes, grünlich glänzendes Hochhaus mit vielen Fenstern und klaren, rechtwinkligen Linien - halte nach diesem auffälligen, neuen Gebäudekomplex Ausschau, der direkt am großen, offenen Platz liegt.
Willkommen in der Neuen Mitte Passau! Heute stehst du an einem Ort, der - sagen wir es mal so - die Passauer Gemüter mehr in Bewegung brachte als jede Polka auf einem Volksfest. Stell dir vor, wie hier vor gar nicht allzu langer Zeit noch Quietschreifen von Kasernenfahrzeugen zu hören waren, Soldaten exerzierten auf dem kleinen Exerzierplatz, und hinter dem Platz ragten Gleise auf, die Passau wie ein Gürtel umschnürten. Dann kam das Jahr 1993, die Ritter-von-Scheuring-Kaserne wird geschlossen, und das Gelände - na ja - ist plötzlich so leer wie der Kühlschrank eines Studenten nach Monatsende.
Aber - Tusch! - es wurden große Pläne geschmiedet. Eine neue Halle wurde gebaut, die Dreiländerhalle, samt Veranstaltungsstellen, während die altgediente Nibelungenhalle und das Exerziergelände im Zentrum für die Transformation freigegeben wurden. Stell dir vor, wie die Passauer Bürger 2000 zum ersten Mal gefragt werden: "Wollt ihr eure Volksfeste wirklich nach Kohlbruck verlagern?" Die Mehrheit sagt nein. Doch der Umbauzug rollte weiter, die Bahn wurde teilweise zurückgebaut, noch mehr Fläche für Veränderungen entstand.
Jetzt stehst du an einem Ort, an dem früher quirliges Bahnleben herrschte. Die Ersten, die sich freuen: Investoren. Die Kapfinger Vermögensverwaltung schafft als Erstes das zentrale Gebäude - das, vor dem du jetzt stehst! Im Untergeschoss versteckt sich ein Multiplexkino, eine kleine Parallelwelt für Popcorn und Blockbuster-Fans. Drüber gibt’s Geschäfte: Die Bäckersfrau und der Handyladenverkäufer würden dir wohl ein Lied singen über das tägliche Treiben am Platz. Hoch oben im Turm glitzern die Fensterscheiben der Büros und Arztpraxen - und im obersten Stock gibt es Kaffee mit Ausblick - so hoch, da schmeckt der Espresso fast nach Abenteuer!
Direkt nebenan schmiegt sich das etwas schüchterne, beigenfarbene Sparda-Haus an. Hier arbeitet das Team der Sparda-Bank, und auch die Gesundheitsbranche hat sich auf 3500 Quadratmetern breit gemacht. Schon praktisch: Nach dem Schuhekauf gleich mal den Blutdruck checken lassen!
Doch das eigentliche Herzstück schlägt draußen auf dem Platz, rund um den zentralen Omnibusbahnhof, kurz ZOB genannt. Hier kreuzen sich Stadt- und Regionalbusse und fast jeder Passauer hat mindestens einmal in seinem Leben seinen Bus verpasst und wild nach vorne gesprintet - vielleicht hörst du gerade das hektische Laufen der Umsteiger. Ursprünglich war ein riesiger Umsteigeknotenpunkt geplant, doch wegen Eisenbahnrecht blieb’s bei einer kleineren, aber dafür recht lebendigen Businsel mit Servicehäuschen.
Gleich daneben wächst die Stadtgalerie in den Himmel: Ein Einkaufszentrum, das 2008 feierlich eröffnet wurde. Plötzlich gab’s hier Mode, Schuhe, Handtaschen - und Stapel von Rabattgutscheinen. Die einen jubilieren: „Endlich eine Mall wie in der Großstadt!“, die anderen schimpfen noch heute: „Zu viel Beton, zu wenig Charme!“. Es ist fast wie bei einer guten Fernsehserie: Der eine liebt’s, die andere nicht - aber keiner kann’s so ganz ignorieren.
So findest du heute auch den Klostergarten, ein kleiner, grüner Park direkt gegenüber, wo früher der Exerzierplatz war. Hier sollte eigentlich ein „Europäisches Haus“ gebaut werden - ein Konzert- und Veranstaltungshaus für große Kulturevents. Doch als die Baukosten die 25-Millionen-Euro-Marke knackten, sagten die Passauer in einem Bürgerentscheid ganz klar: „Nein, danke! Unsere Euros lassen wir lieber windgeschützt in der Stadtgalerie.“ Immerhin gab’s immerhin eine ordentlich umstrittene Toilette am Park für 95.000 Euro - da kann man sich vor Lachen kaum noch halten.
Einen Hauch Nostalgie bringt das renovierte Nibelungen Center mit, das quasi wie ein altes Familienmitglied, frisch herausgeputzt, zurückgekehrt ist. Sogar der Straßenverkehr erlebte hier einen Umbau: Vorher rauschte man Richtung Inn oder Donau, jetzt soll alles ruhiger, entspannter laufen. Naja, zumindest in der Theorie, denn die Öffnung der Ringstraße wurde zum politischen Krimi. Ab Februar 2009 durfte für sechs Monate getestet werden, wie viele Autos die neue Richtung nutzen. Der Stadtrat beobachtete mit Argusaugen und Sensoren an den Ampeln - ob da der eine oder andere Passauer beim Zählen mitgezählt hat, ist nicht überliefert.
Manche sagen heute, die Neue Mitte sei so etwas wie der große, etwas unbeholfene Cousin unter den Passauer Sehenswürdigkeiten: funktional, modern, laut und manchmal ein wenig umstritten. Leerstand im Einkaufszentrum sorgte für Kopfschütteln, und die Fußgängerzone daneben weint ein bisschen, weil so viele Läden lieber hier als dort ihre Zelte aufschlugen. Die Presse nennt’s manchmal sogar Bausünde oder sozialen Brennpunkt - wie die Dramatik in einer Daily Soap. Doch eines steht fest: Die Neue Mitte ist Passaus ganz eigene, moderne Bühne, auf der das echte Leben und viele Diskussionen weitergehen. Oder wie man in Passau sagt: „Mia san mia, sogar wenn’s um Shoppingcenter geht!“



