
Suche nach dem langgestreckten Backsteinbau mit seinen charakteristischen hohen Sprossenfenstern und dem markanten Dreiecksgiebel, der in der Mitte von einem runden Fenster durchbrochen wird.
Wenn du vor diesem Gebäude stehst, ahnst du kaum, dass sich hier Geschichten von ungebremstem Ehrgeiz, Zerstörung und dem Aufstieg unerwarteter Pioniere abgespielt haben. Willkommen am ehemaligen Standort des Museums vaterländischer Alterthümer.
Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten dieses Hauses war Johanna Mestorf. Sie kam im Jahr achtzehnhundertdreiundsiebzig hierher, und zwar als Kustodin. Das bedeutet, sie war die wissenschaftliche Verwalterin und Hüterin der archäologischen Sammlung. Aber das wirklich Erstaunliche war, dass Johanna eine Autodidaktin war, also eine komplett selbstgelehrte Frau ohne formales Universitätsstudium. In ihren Tagebüchern schrieb sie, dass die körperlich schwere Arbeit im Museum sie regelrecht krank mache. Doch sie kompensierte das mit einem schier eisernen Willen. Ihr Durchhaltevermögen zahlte sich auf spektakuläre Weise aus. Im Jahr achtzehnhunderteinundneunzig wurde sie zur Direktorin ernannt. Damit war sie die allererste Frau in ganz Preußen, die ein staatliches Museum leitete. Als visionäre Außenseiterin prägte sie die Archäologie nachhaltig. Sie erfand zum Beispiel den Fachbegriff Einzelgrabkultur, was eine bestimmte Epoche der späten Steinzeit beschreibt, in der Menschen nicht mehr in gewaltigen Großsteingräbern, sondern in individuellen Gräbern bestattet wurden.
Unter ihrer Leitung wuchs das Museum massiv, aber ein ganz bestimmtes Exponat sorgte für echtes Drama. Das Nydam-Boot, ein grandioses, dreiundzwanzig Meter langes Eichenholzschiff aus der Eisenzeit. Es kam achtzehnhundertsiebenundsiebzig nach Kiel. Und wo lagerte man diesen unschätzbaren, gigantischen Fund? Ironischerweise auf dem Dachboden dieses Gebäudes. Es lag dort jahrzehntelang versteckt, bis sich die lokale Presse neunzehnhundertvierzehn lauthals darüber empörte, dass ein unersetzlicher historischer Schatz auf dem Boden eines alten Hauses vergraben wird. Erst in den zwanziger Jahren bekam das Boot endlich eine eigene, würdevolle Ausstellungshalle.
Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Neunzehnhundertvierundvierzig wurde das Museum durch Bombentreffer völlig zerstört. Aber das wertvolle Nydam-Boot existiert noch heute. Warum? Weil man es neunzehnhunderteinundvierzig in einer geradezu filmreifen Geheimaktion evakuiert hatte. Das riesige Schiff wurde auf einer Kastenschute, also einem großen, flachen Transportschiff ohne eigenen Antrieb, über den Nord-Ostsee-Kanal bis zu einem See bei Mölln in Sicherheit gebracht.
Die Sammlung hat das alte Gebäude überlebt, und auch Johannas Vermächtnis blieb unzerstörbar. Kurz vor ihrem Tod im Jahr neunzehnhundertneun hinterließ sie ihrer Heimatstadt Bramstedt fünfhundert Mark, was heute etwa drei- bis viertausend Euro entspricht. Von den Zinsen sollten jedes Jahr am vierundzwanzigsten Juni, dem Geburtstag ihrer Mutter, mit der sie einst in tiefer Armut gelebt hatte, zwölf bedürftige alte Damen eine kräftige Rindfleischsuppe mit Klößen serviert bekommen. Eine zutiefst menschliche Geste einer brillanten Wissenschaftlerin.
Stell dir vor, du betrittst im neunzehnten Jahrhundert als Außenseiterin ohne formellen Abschluss eine von Männern dominierte akademische Welt. Hättest du die schiere Willenskraft einer Johanna Mestorf gehabt?
Falls du die modernen Nachfolgeausstellungen dieser faszinierenden Sammlung noch besuchen möchtest, die Türen sind montags, mittwochs und donnerstags von zehn bis achtzehn Uhr, sowie freitags und samstags bis einundzwanzig Uhr geöffnet.



