Direkt vor Ihnen sehen Sie den „Schwarzen Walfisch“: Ein schmales, helles Giebelhaus mit der großen Jahreszahl 1751 auf der Fassade - achten Sie auf das kleine Wal-Symbol links am Haus, das Sie hier richtig erkennen lässt.
Stellen Sie sich vor, wie es um Sie herum nach feuchtem Hafen, Holz und schwerem Bier riecht. Hier erhebt sich eines der ältesten Gastwirtschaftsgebäude Flensburgs, das seinen Ursprung tatsächlich schon im 16. Jahrhundert hat, als draußen ganz in der Nähe noch der Hafen lag. Die Dachbalken tief im Keller stammen aus jener Zeit, als Flensburgs Hafenspitze an der Angelburger Straße endete und Segler, Matrosen und Händler dicht an diesem Haus vorbeiziehen mussten. Mit den Jahrhunderten, als der Hafen langsam weiter nach Norden wanderte, veränderte sich der Blick aus diesen Fenstern: Aus Fernhandels-Geschäftigkeit wurde das Getrappel von Fuhrwerken; die Nähe zum Wasser verblasste.
1751, das Jahr, das Sie deutlich über den Fenstern lesen können, wurde dieses Gebäude fast komplett neu errichtet und erhielt seine klassische Fassade. Die zwei Seitenflügel, einer aus dem 17./18. Jahrhundert als Speicher, wuchsen dazu - als Zeugnis vergangener Aufbruchstimmung und Geschäftsgeist. Es war aber nicht immer der „Schwarze Walfisch“, wie wir ihn heute nennen: Zuerst hieß das Gasthaus Thomsen’s Gasthof, gegründet 1837. Erst später, als das Zeitalter des Walfangs seine Schatten warf, erinnerte der neue Name an jene dramatischen Zeiten, als Schiffe von Flensburg bis nach Grönland ablegten, auf der Jagd nach dem großen, dunklen Wal. Stellen Sie sich vor, wie schwere Stiefel durch den Flur stapften, Tabak in den Ecken qualmte und die Geschichten der Grönlandfahrer bei einem Rum die Luft erfüllten.
Nicht nur Seeleute trafen sich hier. 1866 gründeten Kaufleute, Juristen und Hausbesitzer der St.-Johannis-Gemeinde im Walfisch den St.-Johannis-Club - ein Kreis, in dem man bei einem Bier Geschäfte besprach, spontan lachte, aber auch Sorgen der Stadt verhandelte. Dieser Club existiert heute noch, ganz ohne Vereinsregister, fast wie ein lebendiger Rest der Vergangenheit, der bis heute hier weiteratmet.
Besonders berüchtigt wurde jedoch der Stammtisch „Rechte Ecke“, gegründet am 7. März 1884 von 56 honorigen Herren: Juristen, Kaufleute, Ärzte, Beamte - Namen wie Dethleffsen (vom Bommerlunder), der Brauer Petersen oder der Rumhändler Grün saßen hier wöchentlich zusammen, vielleicht mit ernsten Minen, aber sicher auch mit spöttischem Glanz in den Augen. Die „Rechte Ecke“ war bis zuletzt nur durch persönliche Empfehlung zu betreten - eine Art Geheimbund für die, die das richtige Wort und den richtigen Toast kannten.
Doch so viel Geselligkeit konnte den dunklen Schatten der Geschichte nicht aufhalten. Im Mai 1945, kurz vor Kriegsende, sollen hier SS-Angehörige ausgelassen gefeiert, getrunken und mit Wehrmachthelferinnen das letzte Aufbäumen des untergehenden Regimes begangen haben. Sogar Heinrich Himmler, einer der gefürchtetsten Männer Nazi-Deutschlands, soll in diesen Tagen Zuflucht im Schwarzen Walfisch gesucht haben, ehe er auf seiner Flucht weiterzog - eine düstere Episode, in bedrückender Nähe zum Ende einer dunklen Zeit.
Auch skurrile Momente gab es: In den 1960ern verhandelten streitende Pastoren und Veteranen bei Bier und vielleicht zu trockenen Wurstbroten hier im Walfisch über die Gedächtniskapelle in der Marienkirche - erfolglos. Der Streit entbrannte und verbreitete sich in der ganzen Stadt.
Die Zeit ging weiter. In den 1970ern verschwanden die Gästezimmer, der klassische Gasthausbetrieb löste sich allmählich auf. Und doch: 1979 trafen sich sieben Schiffer und gründeten direkt hier den Museumshafen Flensburg e.V. - eine Wiederbelebung des maritimen Erbes, fast wie ein letzter Gruß an die Zeit der Grönlandfahrer.
2004 wurde das Gasthaus schließlich geschlossen. Ein traditioneller Treffpunkt ging verloren, die „Rechte Ecke“ zog weiter, neue Eigentümer kamen. Heute, viele Jahrzehnte und Geschichten später, finden Sie in den schönen, alten Räumen eine Pop-up Craft-Beer-Filiale von Brewcomer - ein moderner Hauch in alten Mauern.
Wenn Sie jetzt die Hände auf das Geländer legen, spüren Sie vielleicht einen Hauch all dieser Geschichten: die salzige Luft der Hafenstadt, die lauten Stimmen der Gäste, das stille Schicksal großer, aber auch dunkler Tage - der Schwarze Walfisch ist nicht einfach ein Haus, sondern ein Stück lebendige Geschichte von Flensburg.



