Vor Ihnen steht ein auffälliges, rundes Backsteingebäude mit einem breiten Dachüberstand; halten Sie Ausschau nach dem großen weißen Eingangsschild mit der Aufschrift „NORDDEUTSCHER RUNDFUNK“, gleich rechts daneben finden Sie das markante NDR-Logo im Vorgarten.
Stellen Sie sich vor, wie Sie vor diesem historischen Gebäude stehen, mitten im Herbst, das Rascheln der Blätter zu Ihren Füßen und der kühle Nordwind in der Luft. Das NDR-Studio Flensburg sieht heute besonnen und etwas zurückhaltend aus, doch in seinen Wänden pulsiert eine Geschichte, die mehr als sieben Jahrzehnte bewegt hat.
Alles begann in einer Nachkriegszeit, als Flensburg und ganz Schleswig-Holstein aus Trümmern neues Leben schöpften. Die Idee eines eigenen Rundfunkstudios kam auf, als sich die Britischen Besatzungsbehörden nach 1945 Gedanken machten, wie die neue deutsche Stimme klingen sollte. Während viele Städte im Land zerbombt waren, stand Flensburg mit seiner Nähe zu Dänemark, seiner vielfältigen Bevölkerung und einigen unverwechselbaren Gebäuden bereit, eine neue Rolle zu übernehmen. Statt des zerstörten Kiel entschieden sich Vordenker wie Hans Bodenstedt und Heinz Adler klar für diese Grenzstadt. Warum hier? Ihre Argumentation war durchaus dramatisch: Gerade an der Grenze, wo einst und immer wieder Kulturen ineinanderfließen, müsse ein „Zeichen für deutsche Kultur gesetzt“ werden, vor allem, weil in der Nachkriegsnot viele Menschen sich der dänischen Bewegung zuwandten.
Gegründet wurde das Studio auf dem Gelände des „Deutschen Hauses“, wo schon seit den 1930er Jahren ein Musikpavillon aus rotem Klinker stand - rund gebaut, offen, wie ein Klangkörper aus Ziegeln. Dieser Pavillon, einst gebaut für Sommermusik und Leichtigkeit, lag nach dem Krieg plötzlich an einer verkehrsreichen Straße. Für seinen ursprünglichen Zweck war kein Platz mehr - aber für das NDR-Studio, klug kombiniert mit der Nähe zum Veranstaltungssaal, war er ideal. Der Architekt Walther Beuthin traute sich etwas: Er fügte der runden Form einen Anbau wie einen „Kometenschweif“ an, ein gezieltes architektonisches Statement.
Schon 1950, im November, wurde das Studio feierlich eingeweiht. Man hörte das Sinfonieorchester des NWDR, das feierliche Töne von Mozarts Jupiter-Sinfonie in den Räumen hallen ließ, und prominente Gäste wie der Künstler Emil Nolde und Ministerpräsident Walter Bartram schauten vorbei. In diesen Tagen stank die Luft noch nach Kohleöfen, und draußen hörte man das entfernte Rumpeln der Straßenbahn, während im Inneren die Reporter fieberhaft erste Sendungen vorbereiteten. Schon im Dezember 1950, keine sechs Wochen nach der Einweihung, ging die erste Radiosendung auf Sendung: Mit klopfendem Herzen verfolgten Reporter, Tonmeister und Techniker jede Rückmeldung vom Hörer - würden ihre Stimmen in den Wohnzimmern zwischen Schrankwand und Spitzendecke ankommen?
In den 1950er Jahren wurde Flensburg das Zentrum der Rundfunkberichterstattung für das ganze Land Schleswig-Holstein. Hier entstanden Sendungen wie „Von Binnenland und Waterkant“, die heute noch laufen - Volkslieder, plattdeutsche Anekdoten, Reportagen über Landleben und Hafengeruch. Man kann sich vorstellen, wie eilige Reporter damals noch per Fahrrad zwischen Angelburger Straße und Studio pendelten, während der NWDR in Technik und Ultrakurzwelle investierte. Diese Innovation - UKW statt Mittelwelle - sorgte zunächst für Panik: Was, wenn die Reichweite zu gering war? Doch die Begrenzung wurde zur Chance: Mehr Regionalität, mehr echte Stimmen aus dem Norden. Flensburg entwickelte sich zu einem echten „Brückenbauer“ an der Grenze.
Die Reporter und Redakteure der frühen Jahre, viele Namen sind später Legenden geworden: Thomas Viktor Adolph, der erste Leiter, oder Waldemar Kuckuck, der unermüdliche Chronist. In den kalten Wintern, wie der Schneekatastrophe 1978/1979, als Angeln tagelang von der Außenwelt abgeschnitten war und das einzige Lebenszeichen ein batteriebetriebenes Radio mit den NDR-Meldungen aus Flensburg blieb, wurde das Studio zum Rettungsanker für Tausende Menschen in Not.
Mit den Jahren kamen und gingen Reformen: Neue Studios in Kiel, Lübeck oder Heide, landesweite Zentralisierung und Dezentralisierung, immer wieder Anpassungen an Techniken, Bedürfnisse, Frequenzen - und trotzdem blieb Flensburg das mediale Herz für den ganzen Landesteil Schleswig. Seit 1998 läuft hier alles digital: Reporter schneiden Ton und Bild selbst, kleine Fernseheinspieler für das Schleswig-Holstein Magazin entstehen direkt vor Ort. Heute sendet das Studio Beiträge für NDR 1 Welle Nord, die ARD, produziert gar auch friesischsprachige Radiobeiträge. Seit 2022 entsteht hier zusammen mit dem dänischen TV Syd das Fernsehmagezin „Grænzenlos“ - und manchmal, während Sie auf das Gebäude schauen, können Sie sich vorstellen, wie im Inneren bunte Lichter blinken, Nachrichten geschnitten werden und irgendwo die alte NWDR-Lautsprecherbox noch ein leises Rauschen von vergangenen Zeiten verbreitet.
Rund 400 Filmbeiträge entstehen pro Jahr, dazu 2.500 Radiobeiträge. Die meisten Reporter sind freie Mitarbeiter, die im Flensburger Nieselregen mit Aufnahmegerät und Notizbuch unterwegs sind. Vielleicht hören Sie einen von ihnen am Handy, wie er die letzten Nachrichten aus der Grenzregion weitergibt - immer auf der Suche nach neuen Stimmen, neuen Geschichten aus dem hohen Norden.



