Wenn du nach links oben schaust, fällt dir ein silbrig glänzender Stahlturm auf, der aussieht, als hätte jemand drei riesige Zylinder aufgestellt, oben mit runden „Kapseln“ bestückt und das Ganze mit einer rot-weiß gestreiften Antenne gekrönt. Das ist der Fernsehturm Žižkov: High-Tech-Architektur, also ein Stil, der Technik nicht versteckt, sondern demonstrativ nach außen trägt. Entworfen wurde er vom Architekten Václav Aulický und vom Ingenieur Jiří Kozák. Gebaut hat man ihn zwischen neunzehnhundertfünfundachtzig und neunzehnhundertzweiundneunzig. Er wiegt elf tausend achthundert Tonnen und ist zweihundertsechzehn Meter hoch. Die Konstruktion steht auf einem Dreieck: drei doppelwandige Stahlröhren, mit Beton gefüllt, tragen neun Funktionskapseln. Gekostet hat das Projekt neunzehn Millionen Dollar.
So ein metallischer „Raketenstart“ im historischen Prag hat natürlich Ärger gemacht... und der Streit ging weit über Geschmack hinaus. Das Fundament wurde ausgerechnet durch einen jahrhundertealten jüdischen Friedhof gegraben. Schwere Maschinen zerdrückten Grabsteine, menschliche Überreste landeten auf einer Deponie. Offiziell kritisieren konnte man damals kaum, also wurde eben inoffiziell gelästert. „Baikonur“ nannte man den Turm, nach dem sowjetischen Weltraumbahnhof, oder „Jakeš’ Finger“ - ein Seitenhieb auf den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei.
Mit den Jahren wurde das Verhältnis der Stadt zu diesem Koloss etwas entspannter, auch wegen einer herrlich schrägen Ergänzung: An den Pfeilern krabbeln riesige Babys hoch. Die Fiberglas-Skulpturen stammen vom tschechischen Künstler David Černý, entstanden im Jahr zwei tausend. Eigentlich nur vorübergehend... aber die Leute mochten sie so sehr, dass sie seit zwei tausend eins dauerhaft blieben. Die Figuren, die du jetzt siehst, sind exakte Duplikate, installiert im Jahr zwei tausend neunzehn, nachdem die Originale statisch ersetzt werden mussten.
Und ja, der Turm kann mehr als senden: Es gibt ein meteorologisches Observatorium, ein Restaurant und sogar ein luxuriöses Einzimmer-Hotel, seit zwei tausend dreizehn, inklusive frei stehender Badewanne mit Stadtblick. Vom Woodrow-Wilson-Denkmal kamen wir aus der Diplomatie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts... hier stehst du vor einem Denkmal spätkommunistischer Ambition. Faszinierende Ingenieurskunst, mit ordentlich komplizierter Vergangenheit. Weiter geht’s zur nächsten Station.


