Prag Audio-Tour: Uhrwerk-Legenden der Altstadtplätze
Auf dem Prager Altstädter Ring tickt die Zeit nicht nur. Sie spielt. Die Astronomische Uhr fühlt sich immer noch an wie eine in Stein gemeißelte, verschlüsselte Warnung. Diese selbstgeführte Audio-Tour führt durch das Altstädter Rathaus, das Haus zur Steinernen Glocke und nahegelegene Ecken, an denen die meisten Besucher vorbeigehen, ohne sie zu bemerken. Drücken Sie auf Play und lassen Sie Prag seine politischen Schlachten, Rebellionen, Skandale, Mysterien und vergessenen Momente in Ihr Ohr flüstern, während sich die Stadt unter Ihren Füßen bewegt. Wenn die Menschenmenge unter dem Altstädter Rathaus anschwillt, welche Geschichte versucht dann, wieder auszubrechen? Welche geheime Geschichte haftet nach Einbruch der Dunkelheit an den gotischen Mauern des Hauses zur Steinernen Glocke? Warum enthält die Astronomische Uhr ein so seltsam spezifisches Detail, dass es sich wie ein privater Witz aus der Vergangenheit anfühlt? Folgen Sie engen Gassen und offenen Plätzen, von Schatten zu Sonnenlicht, und spüren Sie, wie sich die Stadt von einer Postkarte zu einem Thriller wandelt. Beginnen Sie jetzt und lassen Sie Prag die Uhr in Gang setzen.
Tourvorschau
Über diese Tour
- scheduleDauer 40–60 minsEigenes Tempo
- straighten1.0 km FußwegDem geführten Pfad folgen
- location_onStandortPrag, Tschechien
- wifi_offFunktioniert offlineEinmal herunterladen, überall nutzen
- all_inclusiveLebenslanger ZugriffJederzeit wiederholen, für immer
- location_onStartet bei Das Haus zur Steinernen Glocke
Stopps auf dieser Tour
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Schauen Sie sich die hohe, schmale Fassade vor Ihnen an, aus hellem, unverputztem Stein... und suchen Sie an der Gebäudeecke nach der kleinen Glocke aus Stein. Wenn man sie einmal…Mehr lesenWeniger anzeigen
Schauen Sie sich die hohe, schmale Fassade vor Ihnen an, aus hellem, unverputztem Stein... und suchen Sie an der Gebäudeecke nach der kleinen Glocke aus Stein. Wenn man sie einmal entdeckt hat, kann man sie kaum noch übersehen. Das hier ist das Haus zur steinernen Glocke. Es wirkt wie ein Original aus dem 14. Jahrhundert... und ist doch, streng genommen, eine ziemlich spektakuläre Wiederauferstehung. Dieses Gebäude hat Jahrhunderte lang eine Maske getragen, bis man ihm sein echtes Gesicht wieder freigelegt hat. Warum ist das Haus so wichtig? Dafür springen wir ins Jahr 1310. Die Prager Burg oben auf dem Hügel war nach einem verheerenden Brand unbewohnbar. Als Johann von Luxemburg und seine Frau Elisabeth von Böhmen nach Prag kamen, um den Thron zu übernehmen, brauchten sie also eine Unterkunft, die sicher, zentral und angemessen königlich war. Sehr wahrscheinlich fiel die Wahl genau auf diesen Ort. Und es gilt als gut möglich, dass ihr Sohn, der spätere römisch-deutsche Kaiser Karl IV. - der Mann, der Prag massiv prägen sollte - genau hier in diesen Mauern geboren wurde. Seinen Namen verdankt das Haus der steinernen Glocke an der Ecke. Die ist nicht bloß Dekor, sondern ein Verweis auf eine dramatische Legende um Johann von Luxemburg: 1310 soll er versucht haben, Prag von rivalisierenden Kräften zurückzuerobern. Seine Truppen standen vor den Stadtmauern und kamen nicht durch. Man brauchte ein Signal von Spähern in der Stadt, wann die Tore unbewacht wären. Das Zeichen: das Läuten einer bestimmten Kirchenglocke. Als sie erklang, stürmten Johanns Leute die Tore - und die Stadt fiel. Zur Erinnerung daran setzte man die Glocke hierher. Der robuste gotische Eindruck, den Sie heute sehen - Spitzbögen und feine Steinornamente - war allerdings lange unsichtbar. 1685 entschieden die Besitzer: Gotik sei hoffnungslos aus der Mode. Man wollte Barock: Symmetrie, glatter Putz und Stuck, also plastischer Zierschmuck aus Mörtel. Und man hat nicht nur überdeckt... man hat regelrecht amputiert. Ornamente, Figuren und Spitzbögen wurden abgeschlagen, Steinmetzarbeiten zertrümmert und der Schutt als Füllmaterial in den Wänden verwendet. Fast 300 Jahre blieb das ein ganz normales Barockhaus am Platz. Erst in den 1960ern merkten Forschende, was darunter steckt. Das löste die große „Regotisierung“ von 1975 bis 1987 aus - im Grunde ein dreidimensionales Puzzle. Über 12.000 Steinfragmente wurden aus dem Mauerwerk geborgen und zu Maßwerk und Bögen zusammengesetzt. Maßwerk, das sind diese filigranen steinernen „Spitzenmuster“ in Fenstern. Sogar Statuenfragmente tauchten wieder auf, darunter ein König und eine Königin auf Thronen - Reste davon sehen Sie heute in der Kapelle im Erdgeschoss. Ganz ohne Streit ging die Restaurierung nicht: Das originale Dach war weg, also musste man improvisieren. Die Betongalerie ganz oben gab es im Mittelalter definitiv nicht... aber sie hält die Konstruktion zusammen. Romantik ist schön, Statik ist schöner. Innen war das Haus ebenso clever: Ein Heizsystem leitete warmen Rauch aus einem unteren Raum in einen Hohlraum unter dem Boden einer hölzernen Stube darüber. So wurde es warm, ohne dass die Bewohner im Qualm saßen. Im Grunde ein kleiner Palast, der sich als Stadthaus tarnt - französisch geprägt, mitten in Böhmen. Nehmen Sie sich noch einen Moment für das Steinwerk, das so lange im Verborgenen lag... und wenn Sie bereit sind, gehen wir weiter zur nächsten Station.
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Schau dich einmal im Rund um: ein weiter Platz aus grauem Steinpflaster, eingefasst von pastellfarbenen Fassaden, und darüber diese spitzen, gotischen Türme, die so tun, als hätten sie einen Termin mit dem Himmel. Du stehst mitten im Herzen von Praha, wie die Einheimischen sagen. Wir nennen es Prag. Und dieser Ort verbringt seit ungefähr elf Jahrhunderten damit, sich zu überlegen, ob er lieber Zentrum des Universums sein will oder doch ein erstaunlich gut gehütetes Geheimnis. Der Name „Praha“ ist dabei selbst ein kleines Rätsel. Sprachwissenschaftler und Historiker streiten sich darüber seit Generationen… gern mit einem Bier in der Hand. Die schönste Erklärung führt zur Legende der Fürstin Libuše. Sie gilt als Seherin und soll auf einem Felsen über der Moldau gestanden haben und verkündet haben: „Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm die Sterne berühren wird.“ Dann schickte sie ihre Leute in den Wald. Sie sollten einen Mann finden, der gerade die Schwelle eines Hauses bearbeitet. „Schwelle“ heißt auf Tschechisch prah. Und genau nach dieser ganz unspektakulären Schwelle soll die Stadt benannt worden sein. Es gibt auch eine weniger romantische Theorie: vom Wort pražit, das „brennen“ oder „dörren“ bedeutet. Also: Wald abbrennen, Platz schaffen, fertig. Praktisch… aber die Sache mit der Schwelle passt besser. Prag war oft genau das: eine Schwelle zwischen Ost und West, ein Ort, an dem Kulturen aufeinandertreffen. Spätestens im 14. Jahrhundert war das hier nicht mehr nur ein Handelsplatz, sondern Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Kaiser Karl IV. hatte, sagen wir, eine ausgeprägte Leidenschaft fürs Bauen. Er wollte, dass Prag mit Rom und Paris mithält. Er gründete die Neustadt - die inzwischen natürlich ziemlich alt ist - und rief 1348 eine der ältesten Universitäten Europas ins Leben. Sein Anspruch: Praga Caput Regni, „Prag, Haupt des Königreichs“. Und dann kam die weniger bequeme Seite der Geschichte: Reformation, Dreißigjähriger Krieg… Prag hat ein Talent, mitten in Europas unerquicklichsten Konflikten zu landen. Im 20. Jahrhundert ging’s weiter: Hauptstadt einer neuen Demokratie, dann ein Nazi-Protektorat, und nach dem Einmarsch 1968 ein Satellitenstaat der Sowjetunion. Dass trotzdem so viel erhalten ist, ist fast ein Wunder. Anders als Berlin oder Warschau wurde Prag im Zweiten Weltkrieg nicht dem Erdboden gleichgemacht. Schäden gab es - 1945 bombardierten Amerikaner Teile der Stadt aus Versehen, weil sie glaubten, über dem deutschen Dresden zu sein - aber der mittelalterliche Kern blieb weitgehend intakt. Heute ist Prag die dreizehntgrößte Stadt der Europäischen Union und ein gewaltiger Wirtschaftsmotor: statistisch eine der reichsten Regionen Europas, mit einem BIP deutlich über dem EU-Durchschnitt. Und architektonisch kannst du hier tausend Jahre Stadtgeschichte erlaufen, ohne die Stadtgrenze zu verlassen. „Stadt der hundert Türme“ nennt man sie. Ein Mathematiker zählte im 19. Jahrhundert 103… inzwischen dürfte es eher das Fünffache sein. Der Reisende Ibrahim ibn Yaqub beschrieb Prag schon im 10. Jahrhundert als etwas Dauerhaftes, aus Stein gemacht. Und genau so fühlt es sich an: ein Ort, der sich nicht kleinkriegen ließ. Wenn du bereit bist, gehen wir zum nächsten Stopp… er ist nur ein paar Schritte entfernt.
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Schauen Sie nach links: Diese wuchtige, dunkel glänzende Bronzegruppe… oben die hohe, verhüllte Gestalt, darunter eine Art wirbelnde Menschenmenge wie ein Schiffsrumpf, alles auf einem breiten Sockel aus Granit. Dieses Denkmal ist, ganz ehrlich, eine kleine Meisterklasse darin, wie man einen historischen Groll in Metall gießt. 1889 stritt man heftig darüber, ob Jan Hus geehrt werden soll: ein reformorientierter Priester, der 1415 verbrannt wurde, weil er die Kirche herausforderte. Ein einflussreicher Gegner war Fürst Karel Schwarzenberg. Er beschimpfte Hus’ Anhänger öffentlich als „eine Bande von Räubern und Brandstiftern“. Die tschechische Öffentlichkeit nahm das… sagen wir: sportlich. Statt einer unauffälligen Gedenktafel sammelte man Geld, um dieses riesige Jugendstil-Werk zu finanzieren, geschaffen vom Bildhauer Ladislav Šaloun. Ergebnis: Hus steht nicht irgendwo, sondern dominiert den wichtigsten Platz der Stadt. Die Skulptur ist wie eine Erzählkarte der tschechischen Geschichte. Hus steht nicht allein; er wächst aus einem Meer von Menschen, das in zwei Gruppen geteilt ist. Zur Seite der Teynkirche hin - das ist die große gotische Kirche mit den spitzen Türmen gegenüber - stehen kämpferische, trotzige Gestalten. Die Teynkirche war im 15. Jahrhundert ein Zentrum der hussitischen Bewegung. Auf der anderen Seite hängen die Figuren erschöpft und gebeugt: das sind die besiegten Emigranten, die nach dem Scheitern des Aufstands im 17. Jahrhundert das Land verlassen mussten. Sie blicken in Richtung des Ortes, an dem 27 Adlige hingerichtet wurden. Hus in der Mitte schaut zur Kirche… als moralischer Fixpunkt. Enthüllt werden sollte das Denkmal im Juli 1915, genau 500 Jahre nach Hus’ Tod. Dummerweise tobte der Erste Weltkrieg, und nationale Kundgebungen waren verboten. Die „Enthüllung“ passierte praktisch heimlich, in einem Saal in der Nähe. Und Drama gab’s später auch: Im Juni 1990 explodierte direkt am Granitsockel eine Bombe, 18 Menschen wurden verletzt, der Täter nie gefunden. Übrigens: So massiv es wirkt, innen ist es hohl - Bronzeplatten, zusammengeschraubt. Am Sockel lesen Sie Hus’ Satz: „Liebet einander, gönnet jedem die Wahrheit.“ Wenn Sie bereit sind, gehen wir weiter… zur weißen barocken Kirche in der Nähe.
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Zu deiner Linken steht ein ziemlich selbstbewusstes Barockmonster: eine wellige, weiß schimmernde Fassade, darüber eine große Kuppel, die ins Blassgrüne übergeht, und zwei Türme,…Mehr lesenWeniger anzeigen
Zu deiner Linken steht ein ziemlich selbstbewusstes Barockmonster: eine wellige, weiß schimmernde Fassade, darüber eine große Kuppel, die ins Blassgrüne übergeht, und zwei Türme, die den Eingang wie Klammern einrahmen. Das ist die Nikolauskirche. Und lass dich von der frommen Miene nicht täuschen... wenn Gebäude eine Identitätskrise haben könnten, dann hätte dieses hier längst einen Therapieplatz. Sie wirkt, als hätte sie schon immer zum Altstädter Ring gehört. Tatsächlich wurde der Bau, den du siehst, erst 1737 fertiggestellt. Entworfen hat ihn Kilian Ignaz Dientzenhofer, einer der ganz großen Namen des Prager Barock. Er setzte sie hierher als Ersatz für eine gotische Kirche, die seit dem 13. Jahrhundert an dieser Stelle stand und abgebrannt war. Die Benediktinermönche zogen ein und dachten: Das ist jetzt für immer. War es nicht. Keine fünfzig Jahre später fand Kaiser Joseph II., er habe zu viele Klöster und zu wenig Geld. Er ließ die Kirche entweihen - das heißt: Sie war offiziell kein geweihter Kirchenraum mehr - und schickte die Mönche weg. Dann kam im Grunde ein riesiger Ausverkauf. Altäre, Gemälde, Glocken: alles ging an den Meistbietenden. Einer lokalen Geschichte nach landete eine der Glocken im Dorf Dolany, und eine Statue soll später eine Brücke in Přeštice bewacht haben. Diese arme Statue fiel in den 1980ern sogar in den Fluss... passt irgendwie zum Lebenslauf dieses Hauses. Nachdem man sie leergeräumt hatte, kaufte die Stadt die Hülle und machte ein Lager daraus. In den Napoleonischen Kriegen war das Kirchenschiff - so nennt man die hohe zentrale Halle einer Kirche - nicht voller Weihrauch und Gebete, sondern voller Getreidesäcke. Militärdepot statt Meisterwerk... das ist schon ein harter Abstieg für Dientzenhofer. 1870 wendete sich das Blatt wieder: Die Kirche wurde an die Russische Orthodoxe Kirche verpachtet. Und damit sind wir beim wohl spektakulärsten Stück drinnen. Wenn du kurz hineinspähst: Suche nach dem riesigen Kristallleuchter. Er ist wie eine Kaiserkrone geformt und wiegt 1400 Kilogramm - ungefähr ein Kleinwagen, nur eben an der Decke. Geschenk von Zar Nikolaus II. an die orthodoxe Gemeinde hier. Und die Geschichte läuft weiter im Kreis: Gerade eben waren wir beim Jan-Hus-Denkmal. 1920 wurde dieses Gebäude zum Geburtsort der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche, einer modernen Konfession, die sich unter Karel Farský von Rom löste. Trotz all der Zweckentfremdungen hat die Kunst überlebt. Die Deckenfresken von Kosmas Damian Asam - Heiligenleben und Szenen aus dem Alten Testament - sind wirklich großartig. Sie waren einmal übertüncht, später aber restauriert. Vom Benediktinerjuwel über Getreidesilo, Konzertsaal und russischen Außenposten bis zur hussitischen Kirche... St. Nikolaus ist der perfekte Gestaltwandler am Altstädter Ring. Nimm dir einen Moment für die Kurven der Fassade... und wenn du bereit bist, gehen wir weiter.
Eigene Seite öffnen →Schauen Sie mal nach rechts zur Turmwand: Diese fein ziselierte mittelalterliche Konstruktion mit zwei großen runden Zifferblättern übereinander, eingerahmt von dunklen gotischen…Mehr lesenWeniger anzeigen
Schauen Sie mal nach rechts zur Turmwand: Diese fein ziselierte mittelalterliche Konstruktion mit zwei großen runden Zifferblättern übereinander, eingerahmt von dunklen gotischen Figuren … das ist sie. Die Prager Rathausuhr, der Orloj. Sie gilt als die älteste astronomische Uhr der Welt, die bis heute in Betrieb ist. Und „Uhr“ ist fast zu bescheiden: Das Ding ist eher ein mittelalterlicher Alleskönner. Stellen Sie sich eine Art mechanisches Planetarium vor … oder ein Astrolabium. Ein Astrolabium war so etwas wie der Taschenrechner der Astronomen und Seefahrer: Damit konnte man die Position von Sonne, Mond und Sternen bestimmen. Die ältesten Teile stammen von 1410, gebaut vom Uhrmacher Mikuláš aus Kadaň und dem Mathematikprofessor Jan Šindel. Zwei Männer, ein Turm, eine Menge Zahnräder - klingt nach einem soliden Plan. Knacken wir das obere Zifferblatt, das astronomische. Es zeigt den „Zustand des Kosmos“ nach mittelalterlicher Vorstellung. Der Hintergrund ist Erde und Himmel: Das blaue Zentrum steht für die Erde, das obere Blau für den Himmel über dem Horizont, und das Schwarze markiert die Nacht. Über all dem wandert der goldene Sonnenzeiger - und zeigt gleich drei Zeitangaben auf einmal. Erstens: Die goldene Hand auf die römischen Zahlen, das ist unsere normale Ortszeit. Zweitens: Die Sonne auf den gebogenen goldenen Linien zeigt „ungleiche Stunden“. Damals war eine Stunde nicht fix 60 Minuten, sondern einfach ein Zwölftel des Tageslichts - also im Sommer länger, im Winter kürzer. Drittens: Der äußere Ring mit den gotischen Zahlen ist die Altböhmische Zeit: Sie zählt die Stunden, die seit Sonnenuntergang vergangen sind. Und weil das Mittelalter selten ohne Moralpredigt auskommt, ist das Ganze auch ein kleines Theaterstück. Neben dem oberen Zifferblatt stehen vier Figuren: links die Eitelkeit mit Spiegel, daneben der Geizhals mit Geldbeutel. Rechts eine Figur für weltliche Vergnügungen. Und die wichtigste: das Skelett neben dem Geizhals - der Tod. Zu jeder vollen Stunde läutet er die Glocke und dreht seine Sanduhr um. Die anderen drei schütteln den Kopf: noch nicht bereit. Über ihnen öffnen sich zwei Fenster, und die zwölf Apostel ziehen vorbei und schauen auf den Platz hinunter. Jahrhundertelang erzählte man, die Uhr sei erst 1490 vom Meister Hanuš gebaut worden. Die Legende sagt, die Ratsherren hätten ihn blenden lassen, damit er so etwas nie wieder für eine andere Stadt bauen kann. Aus Rache soll er blind in das Räderwerk gegriffen und es zerstört haben - angeblich war die Uhr dann hundert Jahre stumm. Dramatisch, ja … nur leider falsch. Im 20. Jahrhundert haben Quellen klar bestätigt: 1410 ist das ursprüngliche Datum. Gewalt hat der Orloj trotzdem erlebt. Im Mai 1945, beim Prager Aufstand, beschossen Nazis den Turm aus gepanzerten Fahrzeugen. Die Holzfiguren brannten, und das Kalenderblatt unten - der große Kreis - wurde stark beschädigt. Man hat es mühsam restauriert. Und dann kam 2018 eine Renovierung: Der Maler Stanislav Jirčík sollte das Kalenderblatt auffrischen. Eine Denkmalschutzgruppe merkte später: Irgendwas stimmt nicht. Er hatte Gesichter, Alter, sogar Geschlechter verändert - angeblich als Witz und mit Anspielungen auf Freunde. Der Vizebürgermeister nannte das Ergebnis „verpfuscht“ und „banal“. Autsch. Öffentliche Kunst kann weh tun. Wenn Sie mögen, bleiben Sie kurz stehen und beobachten die Figuren und Zahnräder … und wenn Sie bereit sind, gehen wir weiter zum Altstädter Rathaus, nur ein paar Schritte entfernt.
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Schau mal nach links: Dieser wuchtige, beigefarbene Steinturm ragt über den Platz, und direkt daran klebt ein auffälliges rosafarbenes Gebäude mit dunklen, reich verzierten Fenstern. Du stehst vor dem Altstädter Rathaus. Wobei… „das“ Rathaus klingt fast zu ordentlich. In Wirklichkeit ist das hier eher ein architektonisches Patchwork, über Jahrhunderte zusammengeflickt. 1338 beschlossen die Ratsherren, dass sie endlich ein standesgemäßes Hauptquartier brauchen. Statt neu zu bauen, kauften sie einfach ein großes Patrizierhaus von einer lokalen Familie, den Volflins. Und als Prag wuchs, spielten sie Immobilienhai in echt: Nach und nach wurden die Nachbarhäuser dazugekauft - das Mikeš-Haus, das Hahn-Haus, das „Minuten“-Haus - und dann riss man Wände durch, um alles zu verbinden. Deshalb wirkt die Fassade so uneinheitlich: mehrere Häuserleben, die zu einer Behörde zwangsverheiratet wurden. Der Star ist natürlich der massive, quadratische Turm. Fertiggestellt 1364, war er im Mittelalter das höchste Bauwerk der Stadt. Schau auf den dunklen, vorspringenden Erker an der Turmecke. Das ist die Rathauskapelle - ein echtes Stück Gotik. Und jetzt ein Detail für Leute, die gern wissen, wer hier unterschrieben hat: Wenn du da oben das Steinwerk an den Säulen genau ansehen könntest, würdest du immer wieder ein Wappenzeichen entdecken - einen Eisvogel und den Buchstaben „E“ in einem verdrehten Kranz. So ein gedrehter Wulst heißt in der Heraldik „Torse“, also eine Art Zierknoten. Das waren persönliche Zeichen von König Wenzel IV. …sein königliches Autogramm am Gebäude, sozusagen. Sehr dezent, wie Könige eben sind. Geh mit dem Blick runter zur Fassade der Häuser neben dem Turm. Dort gibt es ein Fenster aus den 1520er Jahren mit der lateinischen Inschrift „Praga caput regni“ - „Prag, das Haupt des Königreichs“. Es sitzt auf einem hohen Gesims, getragen von Konsolen und Pilastern. Konsolen sind kleine Steinträger, Pilaster sind flache „Säulen“ an der Wand - mehr Schmuck als Statik. Eine ziemlich selbstbewusste Ansage, direkt in Stein gemeißelt. Innen geht’s genauso eindrucksvoll weiter, vor allem im alten Ratssaal. Die Holzdecke ist eine Kassettendecke - ein Raster aus vertieften Feldern - um 1470 entstanden. Mein Lieblingsdetail ist allerdings… weniger gemütlich: eine Holzskulptur des leidenden Christus aus dem frühen 15. Jahrhundert, genau dort platziert, wo die Ratsherren saßen. Dazu die Inschrift: „Richtet gerecht, ihr Menschensöhne.“ Eine bewusst platzierte Mahnung: Macht euren Job anständig. Göttlicher Druck als Sitzungskultur. Und doch fehlt etwas. Seitlich siehst du eine Art Narbe - dort stand einmal ein Flügel, der im Zweiten Weltkrieg verloren ging. Das schauen wir uns gleich beim nächsten Stopp genauer an. Wenn du bereit bist, gehen wir ein Stück näher… zu dieser fehlenden Stelle.
Eigene Seite öffnen →Von hier aus lohnt sich ein genauer Blick auf diesen vorspringenden Erker am Turm. „Erker“ heißt: ein aus der Fassade herausgebautes Fensterteil, das ein bisschen wie ein kleiner…Mehr lesenWeniger anzeigen
Von hier aus lohnt sich ein genauer Blick auf diesen vorspringenden Erker am Turm. „Erker“ heißt: ein aus der Fassade herausgebautes Fensterteil, das ein bisschen wie ein kleiner Balkon ohne Balkon ist. Dieser Erker gehört zur Marienkapelle, die 1381 geweiht wurde. Gebaut hat sie die Werkstatt von Peter Parler... ein Name, der Ihnen in Prag noch öfter begegnen wird. Parler war so etwas wie der Star-Architekt seiner Zeit, nur ohne Social Media. Im Turm, direkt über der Kapelle, hing früher eine Glocke. Die war nicht fürs Feierabendläuten gedacht, sondern ganz praktisch: Sie rief den Stadtrat zusammen. Und ja... ihr Ende war ziemlich dramatisch. Damit sind wir beim dunkleren Kapitel dieses Ortes. Im Mai 1945, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, wurde das Altstädter Rathaus während des Prager Aufstands zur Zentrale des tschechischen Widerstands. Am 8. Mai, nur wenige Stunden bevor die deutsche Kapitulation unterzeichnet wurde, geriet das Gebäude unter schweren Beschuss deutscher Panzer. Es brach ein gewaltiges Feuer aus. Die Schäden waren verheerend: Die Glocke stürzte aus dem Turm und schmolz in der Hitze. Und ein kostbares Stadtarchiv, das Jahrhunderte Prager Geschichte dokumentierte, wurde zu Asche. Das Feuer vernichtete auch einen großen neugotischen Flügel an der Nordseite der Anlage vollständig. Wenn Sie heute dort eine freie Fläche oder eine Art Parkzone sehen, wo eigentlich ein Gebäude „hingehört“... dann ist das keine moderne Idee, sondern eine Narbe des Krieges. Seit dem späten 19. Jahrhundert, und auch lange nach dem Brand, gab es mindestens acht Architekturwettbewerbe für einen Neubau. Man stritt 1905, 1947, 1966 und sogar 1988... und jedes Mal endete es ohne Sieger oder ohne Bau. Prag kann sich eben auch mal nicht entscheiden. Zwischen 2017 und 2018 wurden der erhaltene Turm und die Fassade dann aufwendig saniert, um das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederherzustellen. Dieses Gebäude ist ein zäher Zeuge: ungleichmäßig, zusammengeflickt, und genau deshalb ehrlich. Wenn Sie bereit sind, gehen wir weiter zur nächsten Station.
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Schauen Sie nach der massigen Befestigung aus dunkel angelaufenem Sandstein… oben ein hoher, steiler Schieferdachstuhl, an den Ecken vier kleine Türmchen, dazu goldene Spitzen. Das wirkt weniger wie „netter Durchgang“ und mehr wie „hier wird Geschichte kontrolliert“. Sie stehen vor dem Altstädter Brückenturm, einem der schönsten gotischen Stadttore Europas. Der Turm war nicht nur Verteidigung, sondern auch eine Art Triumphbogen: der große Auftakt für die Krönungszüge der böhmischen Könige. Von der Altstadt ging’s über die Moldau hinauf zur Burg… und dieser Turm war die Bühne am Eingang. Beauftragt hat das Ganze Kaiser Karl IV. Mitte des 14. Jahrhunderts. Und er holte sich Petr Parléř dazu, denselben genialen Baumeister, der auch den hoch aufragenden Chor des Veitsdoms geschaffen hat. Parléř war nicht nur Architekt, sondern auch Bildhauer und Ingenieur… und das sieht man diesem Stein an. Wenn Sie die Ostseite ansehen, die zur Altstadt zeigt: Das ist im Grunde ein Diagramm des mittelalterlichen Weltbilds. Unten die irdische Sphäre, also die Welt der „ganz normalen Leute“. In der Mitte die königliche Ebene mit Statuen von Karl IV. und seinem Sohn Wenzel IV. Und oben die himmlische Sphäre, bewacht von Heiligen. Und dann kommt Karls zweite Leidenschaft: Zahlenmagie. Er hing an Numerologie und Astrologie. Unten am Bogen sitzen genau 28 Zierelemente, die man „Krebse“ nennt… kleine, krabbenartige Steinornamente. Sie stehen für die 28 Tage des Mondzyklus. Darüber kommen 24 weitere Elemente dazu, als Stunden des Tages. Die Architektur als Kalender… ziemlich ehrgeizig für ein Stadttor. Und ja, sogar die Sonne spielt mit: Am 21. Juni um 12 Uhr soll der Schatten eines steinernen Löwenkopfs exakt auf einen steinernen Adler fallen… einmal im Jahr. Das symbolisiert die Verbindung des böhmischen und des römischen Erbes. Nur hat dieser Ort auch eine deutlich düsterere Seite. Nach dem gescheiterten protestantischen Aufstand gegen die katholischen Habsburger wurden 1621 auf dem Altstädter Ring 27 böhmische Herren hingerichtet. Und um die Botschaft unmissverständlich zu machen, hängte man die abgetrennten Köpfe von zwölf von ihnen in Eisenkörben an die Galerie dieses Turms… nicht für Wochen, sondern zehn Jahre lang. Ein stilles „Widerspruch zwecklos“ für alle, die die Brücke überquerten. Auch körperlich bekam der Turm sein Fett weg: 1648, am Ende des Dreißigjährigen Kriegs, versuchten schwedische Truppen, über die Brücke in die Altstadt zu stürmen. Verteidigt wurde nicht nur von Soldaten, sondern auch von Studenten und Professoren der nahen Universität, die das Tor mit Baumstämmen verbarrikadierten. Der schwedische Kanonenbeschuss zerstörte die gotischen Verzierungen zur Flussseite komplett. Darum wirkt die Westseite, wenn Sie gleich durchgehen und sich umdrehen, viel schlichter als die Seite hier. Und noch ein letzter Trick: Unter dem Dach versteckte sich früher ein lateinisches Palindrom… ein Satz, der vorwärts und rückwärts gleich gelesen wird: „Signa te, signa, temere me tangis et angis.“ Sinngemäß: „Bekreuzige dich… du fasst mich töricht an und wirst leiden.“ Ein Schutzspruch gegen Dämonen. Armeen konnten den Stein beschädigen… aber der Geist des Turms sollte bleiben. Prag überlässt eben ungern etwas dem Zufall.
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