Schauen Sie geradeaus: Sehen Sie dieses Haus, das wirkt, als hätte es ein Bühnenbildner für ein Märchen zusammengeschraubt? Genau das ist das John Knox House. Da ist alles ein bisschen „schief und stolz“ zugleich: ein Wirrwarr aus Giebeln, also diesen spitzen Dachabschlüssen, dazu Überhänge, wo die oberen Stockwerke über die unteren hinausragen. Zwischen altem Stein und hellen, ungleichmäßigen Wänden klemmen Holzbalken, dicht gedrängte Fenster mit weißen Rahmen, und seitlich zieht sich eine stattliche Steintreppe nach oben. Man muss nicht viel Fantasie haben, um sich Pferdehufe auf dem Pflaster und Marktschreier in der Straße vorzustellen.
Und jetzt kommt die Geschichte mit fast genauso vielen Ecken wie die Fassade: Das hier heißt John Knox House, und die meisten Leute nicken dazu sehr überzeugt. John Knox, der feurige protestantische Reformator, wird damit in Verbindung gebracht. Ganz ehrlich: Möglich, dass er eher vorbeigelaufen ist und höchstens mal gewinkt hat. Historiker gehen eher davon aus, dass er weiter oben in der Straße, in der Warriston Close, gewohnt hat. Aber Legenden sind in Edinburgh ungefähr so zäh wie guter Haferbrei.
Wer hier wirklich gelebt hat? Eine Besetzung wie für ein Historiendrama. Unter anderem Goldschmiede, also Handwerker, die mit Gold und Edelsteinen arbeiten. James Mosman zum Beispiel fertigte Schmuck für Mary, Queen of Scots, also Maria Stuart, Königin von Schottland. Klingt glamourös, endet aber unerquicklich: Nachdem Edinburgh Castle nach einer langen Belagerung gefallen war, erwischte man Mosman dabei, wie er Münzen für Marias Anhänger prägte. Die Strafe war grausam: Er wurde gehängt, gevierteilt, das heißt in vier Teile zerteilt, und anschließend enthauptet.
Drinnen verbergen sich bemalte Decken und eine hölzerne Galerie, so eine umlaufende Empore. Und im neunzehnten Jahrhundert haben Schriftsteller den Namen John Knox hier regelrecht festgenagelt, ob die Quellen nun mitspielten oder nicht. Das Haus stand später sogar kurz vor dem Abriss, bis engagierte Einheimische es retteten und Stück für Stück restaurierten.
Heute ist es ein Museum und Teil des Scottish Storytelling Centre gleich nebenan. Sie stehen also nicht nur vor Fenstern, sondern vor einem ganzen Sammelband schottischer Geschichten. Weiter geht’s zur nächsten Station - Edinburgh hat noch mehr davon auf Lager.



