
Vor Ihnen breitet sich ein riesiger, gepflasterter Platz aus, der von symmetrischen, gelb gestrichenen neoklassizistischen Gebäuden mit weitläufigen Bogenkolonnaden eingerahmt wird und in dessen Zentrum ein hohes steinernes Denkmal aufragt.
Es ist wirklich erstaunlich, aber dieses elegante Wohnzimmer der Stadt entstand ursprünglich nicht aus einem Sinn für Schönheit oder Gemeinschaft, sondern durch einen Akt massiver Zerstörung. Um das Jahr 1800 blickte Napoleon Bonaparte auf die gewaltigen Befestigungsanlagen von Cuneo und traf eine eiskalte, strategische Entscheidung. Er befahl, die Stadtmauern restlos abzureißen, damit Cuneo nie wieder als militärische Festung gegen die französischen Truppen dienen konnte.
Diese gewaltsame Auslöschung hinterließ eine riesige, staubige Ebene. Zunächst war dies nur ein rauer Exerzierplatz für die militärischen Übungen der Soldaten.
Doch die Stadt ließ diese Wunde nicht einfach offen... sie verwandelte sie völlig. Der Platz wurde später sogar verdoppelt, um der wachsenden Bevölkerung Raum zum Atmen zu geben, und entwickelte sich zum pulsierenden Herzen der lokalen Wirtschaft. Im neunzehnten Jahrhundert strömten Bauern aus der ganzen Region genau hierher zum Seidenraupenmarkt. Ein Geschäft, das so enorm und lukrativ war, dass man genau diesen gigantischen Platz für die zahllosen Karren und das feine, heikle Wiegen der Seidenkokons benötigte. Die gewölbten Portiken unter den Gebäuden waren dabei nicht nur ein hübscher Verweis auf antike römische Triumphbögen, sondern sie boten den Händlern im strengen alpinen Winter lebenswichtigen Schutz.
Wenn Sie sich die Anordnung der zehn Paläste im neoklassizistischen Stil... also einem Baustil, der sich an den geraden Linien und Säulen der antiken griechischen Tempel orientiert... genau ansehen, entdecken Sie ein architektonisches Genie. Diese symmetrische Fläche funktioniert wie ein natürlicher Resonanzkörper. Der Platz verstärkt die menschliche Stimme auf unglaubliche Weise.
Genau dieser akustische Trick schrieb am sechsundzwanzigsten Juli 1943 Geschichte. An unserem letzten Stopp haben wir bereits über das Leben von Duccio Galimberti gesprochen, dessen Haus sich direkt hier an Hausnummer sechs befindet. Mussolini war gerade verhaftet worden. Die Menge feierte enthusiastisch hier unten und dachte, der Krieg sei vorbei. Doch von seinem Balkon aus hallte Galimbertis Stimme durch diese gewaltige akustische Kammer und zerschlug ihre Illusionen. Sein unüberhörbarer Aufruf zum weiteren Kampf bildete die eigentliche Geburtsstunde des piemontesischen Widerstands. Nachdem Galimberti im folgenden Jahr von den Faschisten hingerichtet worden war, benannte die Stadt diesen zentralen Ort aus tiefer Dankbarkeit nach ihm.
Und das steinerne Denkmal in der Mitte? Das ist Giuseppe Barbaroux. Er war ein brillanter Jurist, der die Gesetze des Königreichs Sardinien modernisierte. Seine Reformen brachten ihm jedoch so erbitterte Feinde am königlichen Hof ein, dass er unter dem ständigen politischen Druck und einer schweren Depression zerbrach. Er nahm sich in Turin tragisch das Leben, indem er sich aus dem Fenster stürzte. Die Statue zeigt ihn stolz und feierlich und verbirgt völlig die innere Qual, die zu seinem schrecklichen Ende führte.
Von diesem weiten, offenen Raum, der aus den Trümmern der Zerstörung geboren wurde, wollen wir nun das spirituelle Zentrum von Cuneo aufsuchen. Machen wir uns auf den Weg zur Kathedrale von Cuneo, die nur knapp drei Minuten entfernt liegt.



