
Schauen Sie sich diese Steinfassade an, die durch ihre klassischen Säulen und die in Stein gemeißelten Statuen in den Nischen rund um das große Bogenportal mit der markanten Inschrift D O M besticht.
Diese Kirche, Santa Maria della Pieve, steht auf einem Fundament aus unerschütterlichem Trotz. Im Jahr 1557 legte eine verheerende Belagerung den Vorgängerbau fast komplett in Schutt und Asche. Aber anstatt aufzugeben, stemmten sich die Menschen gegen die Zerstörung und begannen, buchstäblich aus den Trümmern ein neues architektonisches Wunderwerk zu erschaffen.
Hinter den Kulissen dieser gewaltigen Baustelle spielte sich in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ein faszinierendes Familiendrama ab, das harte körperliche Arbeit mit brillanter Kunst verband. Wir sprechen von den Brüdern Rusca. Martino Rusca war der Bauunternehmer und der Mann fürs Grobe. Er leitete die Baustelle, schleppte Materialien und war der physische Erbauer der Kirche. Sein Bruder Carlo hingegen war der Künstler. Er formte die filigranen Statuen und die komplexen Stuckdekorationen, die das Innere schmücken. Ein Bruder kümmerte sich um den Schweiß und den Stein, der andere um die feine Schönheit.
Im Laufe der Jahre wurde dieser Raum von Meisterhand immer weiter perfektioniert. Im Jahr 1725 betrat der berühmte Architekt Francesco Gallo die Szene und verwandelte das Presbyterium, also den erhöhten Altarraum, der normalerweise nur den Geistlichen vorbehalten ist, in die wunderschöne halbkreisförmige Apsis, die heute das Herzstück des Gebäudes bildet. Seine Arbeit gab dem massiven Raum eine völlig neue, fließende Dynamik.
Werfen Sie noch einmal einen Blick auf die Statuen der Fassade. Sie zeigen unter anderem allegorische Darstellungen von Amerika und China. Warum ausgerechnet diese weit entfernten Orte? Die Kirche wurde von den Jesuiten erbaut, einem katholischen Orden mit einer weitreichenden globalen Mission. Diese beiden Statuen repräsentierten die äußersten Grenzen der damals bekannten Welt. Sie waren quasi eine steinerne Werbetafel für die Botschaft der Jesuiten, den Namen des Herrn vom Osten bis zum Westen zu verbreiten. Die innere Gestaltung als einschiffige Halle, also ein einziger großer Raum ohne störende Säulenreihen, war genau darauf ausgelegt. So konnte jeder Gläubige die feurigen Predigten der Jesuiten laut und deutlich hören.
Aber die Geschichte nahm eine scharfe Wendung. 1773 löste der Papst den Jesuitenorden auf, und die Kirche ging schließlich an die lokale Gemeinde über. Und was machten die neuen Besitzer? Sie wollten die intensive jesuitische Prägung unbedingt abschwächen und den Raum für sich beanspruchen. In einem kraftvollen, symbolischen Akt holten sie ein altes Taufbecken aus dem siebzehnten Jahrhundert aus der ursprünglichen, zerstörten Kirche zurück. So konnten sie ihre eigenen, tiefen Wurzeln wiederherstellen und die visuelle Dominanz der Jesuiten verblassen lassen. Es war ein ständiges Ringen darum, wer die Geschichte dieses Ortes bewahrt und wer sie diktiert.
Wenn wir die Pieve nun hinter uns lassen, stoßen wir auf ein viel dunkleres Kapitel von Gerechtigkeit und Gnade in dieser Stadt. Machen wir uns auf den kurzen zweiminütigen Weg zur ehemaligen Kirche San Giovanni decollato.



