Hier zu deiner Linken siehst du das Alte Hochschulstadion. Es wirkt heute fast ein wenig unscheinbar mit seinen klaren Linien und der schlichten Fassade, aber dieses Gebäude birgt eine Geschichte voller dramatischer Wendungen.
Man könnte meinen, ein solch massives Stadion wäre für die glorreichen, elitären Fußballvereine der Stadt gebaut worden. Doch die Wahrheit ist eine ganz andere. In den frühen neunzehnhundertzwanziger Jahren litten die Studierenden hier unter furchtbaren, fast unerträglichen Bedingungen. Wer Universitätssport betrieb, musste sich in provisorischen Bretterverschlägen umziehen und sich mit insgesamt nur zwei Duschen für alle Athleten begnügen. Es war eine Zeit bitterer Armut und schwerer gesundheitlicher Krisen.
Dann kam eine rettende, fast schon listige Idee. Das badische Kultusministerium führte medizinische Pflichtuntersuchungen für alle Studierenden ein. Der damalige Rektor Wilhelm Paulcke nutzte dieses neue Gesetz meisterhaft. Er argumentierte, die Universität brauche nun dringend große Räume für medizinische Untersuchungen und Hygiene. Und genau mit diesem cleveren Vorwand rechtfertigte er den Bau einer gigantischen neuen Sportanlage.
Der Architekt Hermann Reinhard Alker entwarf dieses Gebäude aus rotem Backstein und rauem Waschbeton. Wenn du einen kurzen Blick auf deinen Bildschirm wirfst, siehst du ein historisches Foto der Tribüne. Es zeigt das absolute Meisterwerk der Anlage... die elf Meter weit auskragende Dachkonstruktion. Es war das weltweit erste vollständig freitragende Tribünendach... das bedeutet, es wird nur auf einer Seite von stählernen Stützen tief im Beton gehalten und schwebt völlig ohne störende Säulen über den achthundert Sitzplätzen. Ein unglaublicher Triumph der Ingenieurskunst, der nach vielen finanziellen Hürden neunzehnhundertvierunddreißig vollendet wurde.

Doch dieses architektonische Wunder erlebte bald eine düstere Transformation. Weil die lokalen Spitzenvereine lieber in ihren eigenen Stadien blieben, wurde die riesige Anlage in den dreißiger Jahren zweckentfremdet. Der Architekt Alker war ein frühes, überzeugtes Mitglied der NSDAP und der SS. Durch seine politische Loyalität wurde das Stadion schnell zum größten politischen Versammlungsort der Region umgebaut. Wo eigentlich studentischer Sport stattfinden sollte, marschierten nun bis zu dreißigtausend Menschen bei nationalsozialistischen Kundgebungen auf. Für junge Architekten wie Erich Schelling, der den Umbau zu einer militaristischen Wehrsportanlage leitete, war dieses Projekt ein perfektes Sprungbrett in die eigene Karriere.
Glücklicherweise eroberte sich die junge Generation diesen Ort Jahrzehnte später zurück. In den siebziger Jahren sollte die Tribüne abgerissen werden. Doch der studentische Arbeitskreis Kultur und Kommunikation... kurz AKK... erkämpfte sich den Erhalt. Bei der Übernahme machten sie eine wunderbare Entdeckung. Unter den Sitzreihen verbarg sich eine alte Sporthalle mit einer ungewöhnlichen Zigarrenkistenform und spitzbogigen Betonbögen, die dem Raum fast den feierlichen Charakter einer Kirche verleihen. Dank dieser fantastischen Akustik und der ausdrucksstarken Architektur verwandelten die Studierenden den ungenutzten Raum in einen lebendigen Ort für Vorlesungen, Partys und bunte Kultur.
Aus tiefster studentischer Not geboren, missbraucht für finstere Propaganda und schließlich gerettet durch studentischen Aktivismus... dieser Ort hat wirklich alles gesehen. Lass uns nun von diesem Symbol körperlicher Kämpfe weitergehen. Wir spazieren hinüber zur gewaltigen KIT Bibliothek, wo heute der intellektuelle Fortschritt im Mittelpunkt steht. Sie ist nur einen zweiminütigen Spaziergang entfernt.



