
Zu Ihrer Rechten steht eine Sandsteinkirche mit einem hohen quadratischen Turm, gotischen Spitzbogenfenstern und einer breiten Dachlinie, die das Herz der Hamelner Altstadt markiert. Dies ist die St.-Nicolai-Kirche, die Marktkirche... und hier ist die Wendung in Hamelns Geschichte: Selbst eine Kirche durfte nicht nur eine Kirche bleiben. Krieg, Feuer, Mangel und schlichte bürgerliche Sturheit schrieben immer wieder neu, was dieses Gebäude bedeutete. Ihre Wurzeln reichen tief. Erbauer errichteten hier erstmals im frühen 12. Jahrhundert eine kleine Kapelle, wahrscheinlich eine einfache einschiffige Kirche mit Westturm. Später erweiterten sie diese zu einer romanischen Basilika - das bedeutet eine Kirche mit einem hohen Mittelschiff und niedrigeren Seitenschiffen - und Teile dieser älteren Struktur sind noch im Querhaus, dem Kreuzarm der Kirche, mit Rundbogenfenstern erhalten. Nach einem Brand um 1220 oder 1230 bauten die Bürger sie erneut auf und formten sie dann zu der Hallenkirche um, die Sie heute sehen, bei der Hauptraum und Seitenschiffe nahezu die gleiche Höhe erreichen. Hameln hat den Ort immer wieder umgestaltet, so wie eine Familie einen geliebten alten Mantel immer wieder flickt. Wenn Sie einen Blick auf das Bild auf Ihrem Bildschirm werfen, können Sie eines der ältesten Überbleibsel entdecken: das Nordportalrelief des segnenden Christus, das etwa zwischen 1290 und 1310 gemeißelt wurde. Dieses kleine Fragment ist von Bedeutung. Es ist nicht nur Dekoration. Es ist der Beweis dafür, dass diese Kirche mehr als eine Version ihrer selbst durchlebt hat.

Und dann kam der schwierige Teil. Während des Siebenjährigen Krieges machten die Leute aus der Marktkirche ein Lazarett, dann ein Magazin - das heißt, ein militärisches Lagergebäude - und nach der Schlacht bei Minden stapelten die Sieger dort ihre Kriegsbeute. Die Engländer nutzten sie später als Mehllager. Stellen Sie sich das kurz vor: ein sakraler Innenraum, der nicht mit Gebeten gefüllt ist, sondern mit Feldbetten, Kisten, Beute und Mehlsäcken. Altäre, die Kanzel und die Orgel litten darunter. Gemälde verbrannten. Orgelpfeifen verschwanden. Doch danach beanspruchten die Bürger sie wieder für sich. Senior Hampe predigte hier wieder im Jahr 1768, als die erneuerte Kirche wiedereröffnet wurde, und viele in Hameln nannten sie eine Bürgerkirche. Dieser Begriff ändert den gesamten Rahmen, nicht wahr? Nicht nur ein heiliges Gebäude, das von oben herab überliefert wurde, sondern ein Ort, den gewöhnliche Menschen aktiv wiederaufgebaut haben. Eine von ihnen war Clara Louise Schumachern, die 1768 die Kanzel stiftete. Ihr Name verdient es, mit diesen Steinen verbunden zu bleiben, weil sie dazu beigetragen hat, Schaden in Kontinuität zu verwandeln. Dann schlug die Geschichte wieder zu. Am 5. April 1945 setzte Artilleriefeuer den Turm in Brand. Er stürzte in die Kirche und das benachbarte Rathaus, und beide brannten aus. Eine Zeit lang diente die Ruine noch den Lebenden: 1949 und 1950 richtete die Gemeinde im Ostteil eine provisorische Notkirche ein, damit der Gottesdienst weitergehen konnte, bevor der vollständige Wiederaufbau begann. Der Architekt Eberhard G. Neumann leitete den Wiederaufbau von 1957 bis 1959, gab der Kirche ihr Nachkriegsinterieur und entwarf die kupfernen Westportaltüren, die die Geschichte in Metall erzählen - St. Nikolaus, die Reformation im Jahr 1542, die zerstörte Kirche und ein aufsteigender Phönix. Wenn Sie sich das Turmbild in der App ansehen, sehen Sie einen Überlebenden, der so gründlich wiederaufgebaut wurde, dass sogar seine genaue Höhe seltsamerweise umstritten bleibt - irgendwo zwischen etwa 52 und etwas über 60 Metern, je nachdem, ob man die Wetterfahne mitzählt. Hameln kann anscheinend selbst über einen Kirchturm streiten.

Das macht diesen Ort so ehrlich. Gebäude können ihre Namen und Silhouetten behalten, während sich ihr Zweck, ihre Wunden und ihre Zugehörigkeiten immer wieder ändern. Wenn Sie bereit sind, begeben Sie sich zur Sparkasse Weserbergland, etwa zwei Gehminuten entfernt. Wenn Sie planen, später hier hineinzugehen: Die Kirche ist im Allgemeinen von Mittwoch bis Sonntag von 12 bis 16 Uhr geöffnet.





