Du stehst jetzt vor einem beeindruckenden, steinernen Bauwerk mit einer prächtigen runden Fensterrose und spitz zulaufenden Türmen - halte nach der großen, leicht gelblich wirkenden Fassade am Anfang der Rue Martenot Ausschau.
Stell dir vor, du stehst im Jahr 1867 vor der funkelnagelneuen Kapelle der Karmelitinnen, gebaut nach den Plänen des pfiffigen Chanoine Brune, mit fleißigem Hämmern der Bauarbeiter im Hintergrund. Diese Kapelle sieht aus, als wollte sie den Himmel einholen - kein Wunder, denn im Inneren sollten die Gläubigen mal möglichst nah zur Unendlichkeit aufsteigen. Die Fassade schreit geradezu: „Schaut mich an! Ich bin einzigartig!“ Die riesige Rosette dort vorn ist von der Kathedrale von Chartres inspiriert, und das Portal ist ein kreativer Abklatsch aus Montréal - was ihnen wohl fehlte, war nur ein bisschen Fantasie für eigene Ideen! Besonders ist das kleine Medaillon über dem Eingang, das stolz Notre-Dame vom Berg Karmel zeigt.
Der Ort hier war aber nicht immer ein ruhiger Fleck für Gebete. Ursprünglich gehörte alles zu einem Karmeliterkloster. Doch die französische Revolution fegte die Karmeliter wie ein Sturm aus der Stadt - weg waren sie, und es blieb still, bis 1856. Da trudelten die entschlossenen Ordensbrüder zurück nach Rennes, zogen noch ein paar Mal um und hatten erst 1860 so richtig genug von der Umzieherei. Dann, endlich, begannen sie hier in aller Ernsthaftigkeit zu bauen. Doch kaum war die Kapelle 1867 geweiht, ging das Drama weiter: 1880 wurden die Karmeliter schon wieder rausgeworfen, diesmal, weil sie die eigensinnigen Verwaltungsregeln Frankreichs ein bisschen zu locker genommen hatten. Puff, das Kloster wurde zur Jungenschule, während die arme Kapelle lange leer stand - wahrscheinlich hörte man hier höchstens das Flattern von Tauben.
Dann kamen noch düstere Zeiten: Während der deutschen Besatzung wurde die Kapelle für Wehrmachtsgottesdienste genutzt - mit ganz anderem Klang als die feinen Messgesänge einst. Nach dem Krieg blieb es hier still, voller Erinnerungen und Geschichten in den schweren Steinen. Aber wie das in Rennes so ist: Die Kapelle durfte nicht einfach so in Vergessenheit geraten! 1998 übernahm die evangelische Kirche das Gebäude, und zwischen 2002 und 2015 wurde alles liebevoll renoviert. Heute klingt Lachen durch die große Halle, Gemeindegesang hallt von den neogotischen Wänden, und das Sonnenlicht wirft farbige Muster durch die Fenster.
Wenn du genau hinhörst, kannst du die Spuren all dieser Menschen und Epochen fast wie ein Echo spüren. Dies hier ist nicht nur ein Gebäude - es ist ein Zeitzeuge, der dir mit seinem steinernen Lächeln zuflüstert: „Egal was passiert, ich bleibe hier! Und vielleicht reicht dir jemand hinter mir doch noch einen himmlischen Kaffee...“



