Vor dir steht ein stattlicher, blassgelber Barockpalast in der Vlašská-Straße: oben auf dem Dach hocken Figuren wie strenge Aufpasser, die Fenster tragen weiße Rahmen, und über dem Portal glänzt ein goldenes Wappen. Wenn über dem Eingang die deutsche Flagge und die Flagge der Europäischen Union wehen, dann bist du richtig: das ist die Deutsche Botschaft.
Das Gebäude heißt Palais Lobkowicz. Allein die reich verzierte Fassade wirkt, als hätte sich jemand beim Stuck richtig ausgetobt. Und genau dieser elegante Rahmen wurde Ende der achtziger Jahre zur Bühne für ein Drama, das ganz Europa mitgerissen hat.
Im September neunzehnhundertneunundachtzig füllte sich der Innenhof hinter den Toren mit Menschen aus der Deutschen Demokratischen Republik, also aus der D-D-R, dem damaligen Ostdeutschland. Erst waren es Hunderte, dann Tausende. Sie hatten Zelte und Schlafsäcke dabei, hingen provisorische Wäscheleinen zwischen Bäume, Kinder flitzten herum, Erwachsene flüsterten, rechneten, hofften. Stell dir das ein bisschen vor wie ein Festival, nur dass hier nicht Gitarren gestimmt wurden, sondern Fluchtpläne.
Dann kam der Moment, den viele bis heute wörtlich zitieren können. Nach zähen Verhandlungen trat der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon über dem Eingang. Und dort fiel das Zauberwort „Ausreise“, also die Erlaubnis, das Land zu verlassen. Der Jubel muss so laut gewesen sein, dass man ihn bis zur Moldau hätte schwappen hören.
Diese Zusage veränderte Tausende Leben und machte einen Spalt im Eisernen Vorhang auf, der sich kurz darauf weiter öffnete: Wenig später fiel die Berliner Mauer, und in Europa kamen die Umbrüche ins Rollen.
Und falls du einen Blick in den Garten erhaschst: Dort steht etwas herrlich Skurriles, ein goldener Trabant auf vier Beinen, vom Künstler David Černý. Als hätte das berühmte D-D-R-Auto endlich Beine bekommen, um selbst abzuhauen. Genau hier hat Hoffnung einen Weg gefunden.



